CD & DVD-REVIEWS:

Chris Rea - Road Songs ForLovers

Chris Rea meldet sich trotz herber gesundheitlicher Rückschläge wieder mit einer neuen Scheibe zurück. Auf „Road Songs For Lovers“ geht es wiederum extrem entspannt zur, wie unser Rezensent feststellt.

MOTÖRHEAD – Under Cöver

Wie ist die neue MOTÖRHEAD-Coverscheibe? Darüber gehen die Meinungen in der Redaktion doch ziemlich auseinander, wie man HIER lesen kann.

QUIET RIOT – ROAD RAGE

QUIET RIOT sind (mal wieder) mit nem neuen Sänger - dem  „American Idol“- Gewinner James Durbin und neuem Album unterwegs-. Die Scheibe hat eine ziemlich turbulente Entstehungsgeschichte, wie man HIER nachlesen kann.

DIRKSCHNEIDER Nochmal Back To The Roots

Herr DIRKSCHNEIDER hat mal wieder ne neue Live-Scheibe aufgenommen - mit Material seiner Ex-Kapelle ACCEPT. Der Sinngebung dieser Unterfangens spürt HIER unser Rezensent Markus Renner nach:

Playmate mit 65

IM GESPRÄCH: STATUS QUOS FRANCIS ROSSI

Etwas hinter der Mode sind STATUS QUO mit ihren neuesten Veröffentlichungen. Mit „AQUOSTIC (Stripped Bare)“ legt die Truppe eine Akustik-Platte vor – Nacktcover inklusive. Das war mal in den 90ern angesagt. Gleichzeitig gibt es mit „LIVE“ eine Box mit alten Aufnahmen aus den 70ern. Über beides plauderte Niels Holger Schmidt mit Francis Rossi.

 

m/o: Mit 65 hast Du es endlich als „Pin up Girl“ auf die Titelseite der BILD geschafft. Da bist du nur mit einer Gitarre „bekleidet“ zu sehen. Ist das nicht etwas merkwürdig?

Rossi: Das ist mehr als verdammt noch mal merkwürdig. Ich hatte damit nicht gerechnet. Als unser Manager mit der Idee für das Foto kam, hab ich erst Nein gesagt. Aber dann habe ich mir überlegt: Das ist ein schlauer Zug.

 

m/o: Ist es das?

Rossi: Ja, unter Marketing-Gesichtspunkten schon. Wenn man es als Musiker sieht, oder an das eigene Ego denkt, oder es einem peinlich ist, dann nicht. Aber so darf man das nicht sehen. Dann macht man es natürlich nicht. Es gibt auch Leute, die sagen: Schau dir die beiden Bekloppten an. Aber das ist nur die eine Seite. Andererseits macht das die PR für uns. Natürlich will ich so einen Mist eigentlich nicht machen. Aber sonst hätte man nicht bei so vielen Leuten Aufmerksamkeit erregt. Und wir wären auch nicht auf der Titelseite der BILD gelandet und auch nicht auf den Titelseiten einiger Zeitungen in England. Wenn es nur um die Musik gehen würde, wären nicht so viele gute Alben in den letzten 20 Jahren in der Versenkung verschwunden. Und das ist wirklich einigen sehr guten Scheiben passiert. Wenn man überleben will, muss man sich eben prostituieren. Selbst, wenn ich das Foto sehe und mir denke: Oh Fuck. Das ist mit der Idee, Bryan Adams als Fotograf zu gewinnen, genauso.

 

m/o: Wie seid ihr an den geraten?

Rossi: Siehst Du: So funktioniert Marketing. Weshalb fragst Du danach? Weil Dich der Name Bryan Adams interessiert.

 

m/o: Nein, weil er als Musiker und nicht als Fotograf bekannt ist.

Rossi: Aber wenn es nicht Bryan Adams gewesen wäre, hättest Du sicher nicht nach dem Namen des Fotografen gefragt.

 

m/o: Das kann sein.

Rossi: Also: Es funktioniert so. Und ich hasse es, dass die Welt so funktioniert. Aber so ist es. Wenn man als Künstler überleben will und dein Produkt an den Mann bringen, muss man es so machen. Ich mache die Platte, die ich machen will. Aber dann ist die Schwierigkeit, die Leute bei der Stange zu halten. Ich habe mich mal mit Manfred Mann darüber vor ein paar Jahren unterhalten. Wir kennen uns sehr gut. Ich habe gesagt: „Du hast wirklich einige großartige Platten gemacht. Und ich und die Jungs prostituieren uns ständig und machen so ungefähr alles überall mit.“ Aber er meinte: „Das mache ich seit dem ersten Tag. Oder glaubst du, ‚Do Wah Diddy Diddy’ ist der Song, den ich machen wollte?" Ich habe entgegnet: „Aber das ist doch ne tolle Platte.“ Und er sagte: „Aber nicht die, die ich machen wollte.“

Und so ist das mit diesem Cover. Natürlich will man das nicht machen, aber es verschafft uns riesige Aufmerksamkeit. Und so kann ich mit den Leuten über die Platte sprechen. Und das geht eben nicht ohne dieses Cover.

m/o: Wie war die Zusammenarbeit mit Bryan Adams als Fotograf?

Rossi: Sehr gut. Er hat großes Einfühlungsvermögen. Bei den meisten Fotografen bei solchen Sessions ist es so: Es geht gegen 11 Uhr los. Dann hat man großes Glück, wenn es um 19 Uhr vorbei ist. Bryan war schon um 14 Uhr fertig. Er hat uns gesagt: „Ich will das nicht in die Länge ziehen.“ Er kennt auch das Gefühl auf der anderen Seite der Kamera. Die meisten Musiker hassen solche Fotosessions. Rick ist darin ziemlich gut, aber ich hasse die Kamera. Man steht vier Stunden herum. Dann heißt es: „Nimm bitte das Kinn etwa hoch“, dann wieder: „Jetzt das Kinn etwas niedriger.“ Das macht mich verdammt noch mal wahnsinnig. Das meine ich, wenn ich sage: Er zieht es nicht in die Länge. Er ist ein guter Fotograf, ein sehr netter Mensch. Als wir das gemacht haben, waren seine Frau und seine Tochter auch im Haus. Und das war ziemlich merkwürdig, wenn man keine Klamotten an hat. Und ich glaube, für ihn war es auch etwas komisch. Er hatte gerade eine Akustik-Tour und und eine akustische Platte in England draußen. Deshalb hat er vielleicht auch etwas von der Zusammenarbeit mitgenommen.

 

m/o: Habt ihr je mit ihm gespielt?

Rossi: Nein, wir sind mal in Österreich zusammen aufgetreten. Aber sonst nicht. Ich bin nicht sehr gut mit solchen Kooperationen. Ich halte mich da für nicht gut genug, denn Bryan ist in meinen Augen sehr gut. Ich hätte gern mal mit Jeff Lynn etwas zusammen gemacht. Der ist die Person, die in meinen Augen am ehesten als Held taugt. Oder vielleicht noch die EAGLES. Aber die spielen alle in einer anderen Klasse als ich. Ich versuche ja eher mein Bestes, aber ich tue eher als ob, als dass ich ein ernsthafter Musiker bin. Ich bin sehr glücklich damit, ein paar kommerzielle Sachen komponiert zu haben. Wir haben einige poppige Melodien geschrieben. Ich hoffe, dass die Leute nicht durch unser ständiges „Da-Da-Da-Damm“-Gedröhne unsere Melodien gar nicht richtig hören.

 

m/o: Deshalb die Akustikplatte…

Rossi: Der Witz ist: Die Leute halten dich für einen besseren Musiker, wenn du akustisch spielt. Ich saß vor ein paar Monaten mal im Bus und habe akustisch gespielt. Da sagt der Fahrer zu mir: Ich wusste gar nicht, dass Du so was kannst. Er meinte: Akustikgitarre spielen. Die meisten Menschen, die keine Musiker sind, halten einen für einen besseren Musiker, wenn du akustisch spielst.

  

m/o: Und? Stimmt das? Was ist für dich der Unterschied?

Rossi: Es greift sich natürlich nicht so einfach wie auf der elektrischen Gitarre. Da ist man einfach schneller. Aber man verbessert sich auf der Akustischen, wenn man sich darauf konzentriert. Ich habe immer Akustik gespielt, damit habe ich ja angefangen. Aber ich wollte nie so was wie die EVERLY BROTHERS machen. Das ist nicht mein Ding.

  

m/o: Akustik-Platten waren vor 20 Jahren in Mode. Jetzt nicht mehr. Seid ihr nicht etwas spät dran mit AQUOSTIC (Stripped Bare)?

Rossi: Damals wollte ich es nicht machen, weil es eben jeder machte. Wir haben damals schon drüber gesprochen. Aber ich wollte nicht dieser Mode nachlaufen. Jetzt macht es eben kaum noch jemand. Genau deshalb jetzt.

 

m/o: Trotzdem habt ihr fast gleichzeitig eine CD-Box mit ganz anderem Zeug veröffentlicht, mit alten Live-Sachen aus den 70ern.

Rossi: Nein, das ist mit der anderen Band, den „Frantic Four“. Ich wollte das in der Besetzung eigentlich auch nicht machen. Aber wir haben uns am Ende doch aufgerafft.

m/o: Welche der beiden aktuellen Platten bevorzugst du?

Rossi: Natürlich die mit der aktuellen Band. Wir hatten ein paar schöne Tage mit der anderen Besetzung, aber ich will nicht wieder zurück in die 70er. Es gab damals ein paar große Momente, aber auch echten Mist. Wir haben die ersten Shows mit den „Frantics“ gespielt. Da hatten wir nicht genug geprobt. Und wir sind nicht auf den Kontinent gekommen. Deshalb mussten wir es nochmal machen. Da war es besser, aber auch nicht viel besser. Es war sehr gut für Alan Lancaster und John Coghlan, um etwas Geld zu verdienen. Aber ich will nicht mehr mit den „Frantics“ spielen. Für die Nostalgie war es gut auf der Tour. Und das muss ich akzeptieren. Ich denke daran, wie es im Hammersmith Odeon war. Da hab ich gedacht: Was sehen oder hören die bloß, was ich nicht mitbekomme? Ich musste also einsehen, dass die Leute es wirklich geliebt haben. Aber ich verstehe es noch immer nicht. Ich glaube, dass man in diesem Geschäft ist, um besser zu werden. Und sehe nicht, dass wir da besser waren.

 

m/o: Ich selbst war nie ein großer STATUS QUO Fan, aber ich habe Euch in der „Frantic Four“-Besetzung in Oberhausen diesem März gesehen. Ich war wirklich beeindruckt.

Rossi: Was hat Dich beeindruckt?

 

m/o: Ich kann es nicht genau sagen, vielleicht dass es so ungeschliffen war.

Rossi: Aber geht doch nicht darum, ungeschliffen zu sein, um ungeschliffen zu sein. Das darf man nicht verwechseln. Als THE CLASH anfingen, waren sie ungeschliffen. Das Beste, was man über die CLASH in der Punk-Bewegung sagen kann ist, dass sie besser geworden sind. Und darum geht es doch: Man bemüht sich, besser zu werden. Das ist wie der Typ von OASIS, der früher ein wütender junger Mann war. Jetzt ist er 45 oder 50 und ist natürlich kein zorniger junger Mann mehr.

 

m/o: Aber Leute wie Lemmy von MOTÖRHEAD haben sich eine Ungeschliffenheit bewahrt.

Rossi: Nein, er ist viel zu intelligent, um ein zorniger junger Mann zu sein. Die Leute denken, dass er dumm ist. Das ist er nicht.

 

m/o: Das denke ich sicher nicht.

Rossi: Einige Leute tun das aber. Aber Lemmy weiß genau, was er tut und er spielt sehr, sehr gut.

 

m/o: Aber vermisst du nicht die Power und die Ungehobeltheit der „Frantic Four“?

Rossi: Was meinst du? Ungehobeltheit oder Kraft? Das muss man genau auseinander halten. Man kann sehr kraftvoll spielen, ohne Taktschwankungen und Nachlässigkeiten. Und genau macht die aktuelle Besetzung.

 

m/o: Die Stimmung auf AQUOSTIC ist betont entspannt. Warum ist das so?

Rossi: Das ist bei den Aufnahmen eben so entstanden. Es gab keinen Plan, der sagte: Lass es uns von der Stimmung her so oder so machen. Aber ich teile deine Einschätzung auch nicht. Ich finde, die Platte hat durchaus Energie. Sie hat natürlich keine verzerrten Gitarren, aber eine natürliche Dynamik. Deshalb ist das Spielen mit Akustikgitarren vielleicht verzwickter. Schlägst du härter an wird es dynamischer, schlägst du weniger hart an, wird die Dynamik kleiner. Aber das Timbre einer elektrischen, gerade einer stark verzerrten Gitarre ist immer am Anschlag. Ich will das gar nicht abwerten, weil ich das durchaus mag. Aber den Sound auf der Akustik-Platte mag ich auch sehr, weil ich immer der Meinung war, dass wir einige sehr schöne Pop-Songs geschrieben haben. Und die klingen jetzt tatsächlich auch wie Pop-Nummern. Einige Leute werden es sicher nicht mögen und es nicht kaufen. Die meisten werden es aber mögen und auch kaufen, hoffe ich.

m/o: Habt ihr jemals darüber nachgedacht, eine neue „Frantic Four“-Studio Platte zu machen?

Rossi: Nein. Ich will keine neue Platte mit den „Frantic Four“ machen. Zum Beispiel weil John Coghlan oft aus dem Takt ist. Die meisten Leute, die ein Loch sehen gehen drum herum. Er fällt immer hinein. Das ist traurig, aber es ist so. Alan Lancaster ist körperlich eingeschränkt. Seine rechte Hand hört nach 50 Minuten auf zu spielen. Auch daran kann ich nichts ändern. Und es gibt daneben noch viele Gründe, die zu unserem ersten Split geführt haben, die noch immer bestehen. Ich mag Alen wirklich, wir hatten viel Spaß zusammen. Aber er kann wirklich schwierig sein. Zum Beispiel will immer den Schlagzeuger führen. Ich habe ihm oft gesagt: Verdammt Alan, lass doch den Schlagzeuger zufrieden. Aber er ist so. Bei unserem Auftritt in Manchester, sagte John: „Ich werde nie wieder mit diesem Mann arbeiten.“ Ich habe zu John gesagt: „Du weißt: Wenn wir weiter machen würden, würden wir wieder zerbrechen“. Und er meinte: „Oh ja“.

Alle wollen dieses Ideal von vier Kerlen, die sich wirklich mögen. Aber in der Realität ist das wie mit Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Es ist schwierig. Ich bin mit Rick länger zusammen als mit meiner Frau. Aber weißt Du wie schwierig er ist? Alle Bands suchen nach diesem erhabenem Moment, wo man denkt: Oh das ist so gut. Jetzt einfach weiter machen (stöhnt orgiastisch). Danach suchen alle Bands. Ich hatte vor paar Jahren einen Auftritt wo ich dachte: Es kann einfach nicht besser werden. An einem solchen Tag will man gar ins Bett gehen, weil er ja dann zu Ende ist und ein neuer kommt. Aber wenn wir wirklich heute den besten Set spielen, den eine Band jemals gespielt hat. Was erzählen wir den Leuten dann morgen? Wir waren so gut gestern? Man muss dann einfach heute noch mal spielen. Und das hält mich am laufen.

 

m/o: Wenn die aktuelle Band die technisch viel bessere ist, warum mögen die Leute die „Frantic Four“?

Rossi: Natürlich kann ich verstehen, dass die Leute das noch mal sehen wollten. Deshalb haben wir es ja auch gemacht. Aber bei der zweiten Tour mit den „Frantic Four“ haben wir schon weniger Karten verkauft als bei der ersten. Das bedeutet: Es wäre nicht so weiter gegangen. Ich glaube auch nicht an diese ganze Nostalgie-Sache. Aber bei unserem ersten Auftritt in Hammersmith habe ich eingesehen: Auch wenn ich nicht nachvollziehen kann, was die Leute gesehen oder gehört haben, was ich nicht höre: Es war da. Aber beim zweiten Mal war es schon weniger. Und wenn wir weiter gemacht hätten, hätten wir dieses besondere Gefühl auch für die Leute ruiniert. Und es soll eine der besten Erinnerungen sein, was auch immer sie gesehen haben. Es ist ja schon schlimm genug, wenn ich den Leuten die Wahrheit über das Showgeschäft erzähle, dass es Heuchelei ist. Dann sollen sie wenigsten diese Erinnerungen behalten. Ich habe die Tour genossen, aber ich kann das nicht mehr.

 

m/o: Letzte Frage: Was ist das nächste Projekt? Eine Platte mit klassischem Orchester oder doch die Innenseite im Playgirl?

Rossi: Dann nehme ich die Doppelseite, aber im Playboy. Im Ernst: Wenn diese Platte erfolgreich ist, gehen wir damit auf Tour, wenn nicht, machen wir was anderes. Oder ich gehe in Rente, ich bin eh 65 und müde. Ich habe genug gesehen. Und jetzt flippen die Leute aus, weil ich sage, ich will in Rente…

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