CD & DVD-REVIEWS:

Chris Rea - Road Songs ForLovers

Chris Rea meldet sich trotz herber gesundheitlicher Rückschläge wieder mit einer neuen Scheibe zurück. Auf „Road Songs For Lovers“ geht es wiederum extrem entspannt zur, wie unser Rezensent feststellt.

MOTÖRHEAD – Under Cöver

Wie ist die neue MOTÖRHEAD-Coverscheibe? Darüber gehen die Meinungen in der Redaktion doch ziemlich auseinander, wie man HIER lesen kann.

QUIET RIOT – ROAD RAGE

QUIET RIOT sind (mal wieder) mit nem neuen Sänger - dem  „American Idol“- Gewinner James Durbin und neuem Album unterwegs-. Die Scheibe hat eine ziemlich turbulente Entstehungsgeschichte, wie man HIER nachlesen kann.

DIRKSCHNEIDER Nochmal Back To The Roots

Herr DIRKSCHNEIDER hat mal wieder ne neue Live-Scheibe aufgenommen - mit Material seiner Ex-Kapelle ACCEPT. Der Sinngebung dieser Unterfangens spürt HIER unser Rezensent Markus Renner nach:

Sänger Ricky Warwick und Gitarrist Damon Johnson. Fotos: Niels Holger Schmidt
Sänger Ricky Warwick und Gitarrist Damon Johnson. Fotos: Niels Holger Schmidt

IM GESPRÄCH: BLACK STAR RIDERS

Instinktiv auf der Jagd nach neuen Songs

Die BLACK STAR RIDERS sind vor einigen Jahren aus den von Gitarrenlegende Scott Gorham wiederbelebten THIN LIZZY entstanden. Auf ihrer aktuellen Scheibe „The Killer Instinct“ pflegen sie einen ähnlichen Sound. Niels Holger Schmidt plauderte mit Sänger Ricky Warwick und Gitarrist Damon Johnson über das musikalische Zusammenleben mit einer Rocklegende, instinktive Entscheidungen und den langen Schatten eines großen Erbes.

Sänger Ricky Warwick
Sänger Ricky Warwick

m/o: Eure neue Platte heißt „The Killer Instinct“. Wie kann man sich diesen Instinkt bewahren, wenn man so lange im Geschäfts ist wie ihr und Scott Gorham?

Damon Johnson: Das ist eine gute Frage. Man muss der Musik nachjagen.

Ricky Warwick: Ja, man muss jeden Tag auf der Jagd sein: nach besseren Texten, besserer Musik, besseren Akkorden, dem besseren Gitarrensolo oder der besseren Schlagzeug-Figur. Und der Tag, an dem man damit aufhört, ist der, an dem man es nicht mehr packt.


m/o: Ihr jagt ja schon über 20 oder 25 Jahre. Wird es nicht irgendwann langweilig?

Warwick: Nein, denn diese Jagd ist ja nie beendet. Man sagt sich ja nicht: Hier ist das beste Album, das ich machen kann. Man hat ja immer neue Ideen. Es gibt Ereignisse, die einen inspirieren. Mir wird das nie langweilig.


m/o: Seid ihr eurem Killerinstinkt gefolgt, als ihr die Band von THIN LIZZY in BLACK STAR RIDERS unbenannt habt? Das war ein großes Risiko.

Damon: Ja, rückblickend muss man schon sagen, dass wir damit unserem Killerinstinkt gefolgt sind. Instinktiv wussten wir: Das ist richtig. Und das bestätigt sich inzwischen ja auch. Wir schätzen sehr, wie sehr die Fans, vor allem die alten THIN LIZZY-Fans, uns unterstützt haben. Und ich glaube, dass das auch mit unserem Namenswechsel zu tun hat. Es wäre sicher für viele alte Fans schwieriger gewesen, wenn wir als THIN LIZZY neue Musik veröffentlicht hätten. Jetzt können unsere neuen Songs für sich selber sprechen.

Francis Buchholz macht wieder Tiefendruck, hier zusammen mit Wayne Findlay.
Francis Buchholz macht wieder Tiefendruck, hier zusammen mit Wayne Findlay.

m/o: Hab ihr irgendwann gedacht: Es war ein Fehler. Wir könnten als THIN LIZZY größere Hallen füllen. Jetzt spielt die Zeche Bochum oder das FZW in Dortmund – also eher kleine bis mittlere Hallen. Vielleicht könnten es große sein.

Damon: Du sagst da ein wichtiges Wort: Vielleicht. Ricky ist seit 2010 dabei, ich kam 2011. Und wir haben als THIN LIZZY echt viel getourt, große und auch mittelgroße Hallen. Wir haben uns sehr gefreut, als wir nach dem Debüt als BLACK STAR RIDERS vielfach die gleichen Hallen gespielt haben, wie als THIN LIZZY.

Ricky: Wenn wir THIN LIZZY geblieben wären, hätten wir niemals neue Musik veröffentlichen können. Aber wir alle sind Songschreiber. Es wäre eine enorme Einschränkung gewesen, das als THIN LIZZY nicht zu können. Jahr für Jahr die Klassiker zu spielen, ist natürlich wundervoll. Aber nach einiger Zeit denkt man: Ich will was schreiben, was Neues ausprobieren.

 

m/o: BLACK STAR RIDERS klingen wie eine Version von THIN LIZZY im 21. Jahrhundert. Klassischer Stil, moderner Sound. Junge Bands wie DEAD LORD aus Schweden oder die Iren GLYDER versuchen heute exakt so zu klingen, wie THIN LIZZY 1975. Ist das Heldenverehrung oder Leichenfledderei?

Warwick: Leichenfledderei kann man nicht sagen. THIN LIZZY waren einfach eine so großartige Band mit einem herausragenden Stil. Sie hat mich unglaublich beeinflusst, als ich aufgewachsen bin. Und sie beeinflussen mich immer noch. Phil Lynott beeinflusst mich jeden Tag. Und so ist das auch mit neuen Bands. Sie entdecken die alten Sachen und stellen fest, wie großartig diese Songs und die Zwillingsgitarren-Arrangements sind, wie großartig Phil war. Das ist einfach zeitlos.

 

m/o: Magst Du diese Art von Heldenverehrung oder ist das doch etwas abgeschmackt?

Warwick: Ich würde nicht sagen, dass es reine Heldenverehrung ist. Es ist eher so: eine bestimmte Band bewegt dich sehr, sie inspiriert dich, selber eine Band zu gründen. Das ist doch riesig. Das verändert dein Leben. Wenn man eine Band großartig findet und denkt: Genau das will ich auch machen. Das ist doch fantastisch.

Warwick ist der einzige Ire in der Band.
Warwick ist der einzige Ire in der Band.

m/o: Ich habe das Gefühl, dass ihr auf der neuen CD ein wenig auf Distanz zum klassischen THIN LIZZY-Sound geht. Songs wie „You Little Liar“ könnten auf einer THE ALMIGHTY-Platte sein, „Finest Hour“ erinnert mich an Radio-Rock wie Bryan Adams…

Damon: Sicher, ja…

 

m/o: …und diese Nummern sehe ich auf keiner THIN LIZZY-Platte. Wolltet ihr euch vom klassischen Sound lösen?

Damon: Nein, nein…

 

m/o: Wer hat diesmal die meisten Songs geschrieben? Ich nehme an ihr beide?

Damon: Das waren schon wir beide. Ich kann auch nachvollziehen, dass es für dich und andere Journalisten nahe liegt, zu fragen: Habt ihr gezielt Songs geschrieben, die eher nach THE ALMIGTY klingen oder melodischer sind. Aber weißt du: Wir schreiben einfach Musik. Wir hören auch andere Musik aus Spaß, im Bus, schauen uns Auftritte anderer Bands an. Und das landet natürlich irgendwie in deinem Kopf. Und wenn ich mir dann die Gitarre schnappe und Ricky Ideen vorspiele, weiß ich nicht, was mich gerade dazu inspiriert hat. Ich versuche nicht zu klingen, wie Jimmy Page oder sonst wer. Man probiert einfach damit herum. Und am Ende stellt man es der Band vor. Die sagen dann vielleicht: Klingt wie DEEP PURPLE oder klingt wie die WHITE STRIPES. Wir wollen einfach etwas schaffen und kreativ sein. Darum ging es ja auch bei der Frage nach der Namensänderung. Und so kommt es vielleicht, dass „You Little Liar“ dich an THE ALMIGHTY erinnert, auch weil wir ihren Sänger und Gitarristen in unserer Band haben. Und natürlich haben wir auch einen THIN LIZZY-Einschlag, weil wir auch Scott Gorham in der Band haben. Also: Es gibt nicht den Plan: Lass uns eine poppige Nummer schreiben. So war es auch bei „Finest Hour“. Ricky und ich haben mit der Idee herumgespielt, als Scott herein kam und fragte, was das sei. Wir meinten, vielleicht ein neuer Song. Und er antwortete: „Macht das fertig, ich mag es.“ Und wenn es für Scott Gorham gut genug ist, sollten wir es wohl aufnehmen.

 

m/o: Andererseits habt ihr mit „Soldierstown“ wieder ein irisches Thema verarbeitet, ähnlich wie „Black Rose“ oder „Emerald“. Seid ihr die ein bisschen die Nachlassverwalter des THIN LIZZY-Erbes?

Warwick: Nein, wir setzen uns nicht hin und sagen: OK, wir brauchen noch einen irischen Song. Natürlich sind wir beeinflusst von THIN LIZZY, Scott ist in der Band, ich bin Ire, bin vom Irisch Folk beeinflusst, hab mein ganzes Leben Irish Folk auf meinen Solo-Platten verarbeitet. Wenn Scott mit so einem Riff kommt, hat man natürlich diese Stimmung in dem Song. Aber es ist einfach ein Killerriff. Natürlich sagt man dann nicht: Es ist zu irisch, damit machen wir nicht weiter. Es gibt keinen Plan: Das Album muss so oder so klingen. Wir schreiben nur drauf los, 20 Nummern. Und dann nehmen wir die 12, die am Besten ausdrücken, wo wir gerade stehen. Man versucht einfach diesen Moment in dreieinhalb Minuten, in dem Fall in siebeneinhalb Minuten, einzufangen.

Wir sind alle ein Produkt der Bands, die wir gehört haben und in denen wir gespielt haben. Bei Damon sind das sicher SKYNYRD oder die ALLMAN BROTHERS, die er viel gehört hat, und BROTHER CANE, wo er gespielt hat. Bei mir ist es viel Punkrock, THIN LIZZY und THE ALMIGHTY. Scott war selbst in LIZZY und hat viel Hendrix und CREAM gehört.

Live greifen Scott Gorham (rechts) und seine Begleiter auf die LIZZY-Klassiker zurück.
Live greifen Scott Gorham (rechts) und seine Begleiter auf die LIZZY-Klassiker zurück.

m/o: Ihr fühlt also keine Verpflichtung so einen Sound zu produzieren?

Warwick: Nein, wir sind nicht verpflichtet, wie THIN LIZZY zu klingen.

Damon: Aber wir haben natürlich Scott Gorham in der Band… Der Witz an der Sache ist: Scott kam mit diesem Riff. Als wir damals an Songs für das „All Hell Breaks Loose“-Album arbeiteten, hatten wir Sachen wie „Bound for Glory“ – das sehr wie THIN LIZZY klingt – oder „Kingdom of the Lost“ – das sehr keltisch ist. Scott sagte: „Ich weiß nicht, was es bedeutet, wie THIN LIZZY zu klingen, aber so will ich nicht klingen“. Wir meinten: „Mal langsam, unsere Fans werden diesen Sound lieben“. Und jetzt kam er mit dem Riff für „Soldierstown“. Wir haben uns nur angeschaut und gedacht: „Das ist unser Junge.“ Denn das klingt genau wie THIN LIZZY, hätte auf „Black Rose“ sein können. Für uns als Bandmitglieder ist das großartig. Wenn du dir vorstellst, wie das zwischen „Bloodshot“ und „Emerald“ oder zwischen „Hey Judas“ und „Dancing in the Moonlight“ klingt. Wir haben so ein Glück, dass wir diese großartigen LIZZY-Nummern spielen können, aber auch neue Songs. Und wir bekommen wirklich super Unterstützung von den Fans, aber auch von Medien und anderen Musikern.

 

m/o: Die meisten Fans und Journalisten identifizieren euch mit THIN LIZZY, obwohl ihr persönlich nie in der klassischen THIN LIZZY-Version gespielt habt. Wie ist es mit dem großen Schatten von Phil Lynott hinter sich?

Warwick: Es fühlt sich großartig an, ein kleiner Teil dieses Vermächtnisses zu sein, wenn auch natürlich nur ein wirklich kleiner. Phil ist für mich der größte Rock-n’-Roll-Frontmann überhaupt: einzigartiger Stil, großartiger Sänger, Bassist und Songschreiber. Er hatte Ecken und Kanten, bewahrte eine eigene Haltung. Es ist doch großartig, seine fantastischen Lieder zu singen…

 

m/o: Aber die wirst ihn nie ersetzen können…

Warwick: Ich will ihn auch gar nicht ersetzen, nicht im Traum. Das wäre völlig deppert. Es gab nur einen Phil Lynott. Ich bin nicht in die Band gekommen, um ihn zu ersetzen, sondern, um seine Songs zu singen, und das so gut ich kann. Die Leute sollen lächeln und an Phil denken. Und genau das mache ich.

Scott Gorham ist die "Haus-Ikone" der Truppe, sagt Johnson.
Scott Gorham ist die "Haus-Ikone" der Truppe, sagt Johnson.

m/o: Bei euch klingen die LIZZY-Songs nicht wie von einer Cover-Band. Es fühlt sich authentisch an. Was ist der Unterschied zu einer sehr guten LIZZY- Cover-Band?

Damon: Wir spüren das wirklich. Es kommt aus unserer Seele, nicht aus dem Kopf. Denn THIN LIZZYs Musik hat mein Leben verändert, und auch Rickys Leben. Für Scott – und auch für die Fans – war es wohl das Beste, was passieren konnte, so jemanden zu finden, der neben ihm die Melodien von Brian Robertson, Eric Bell und Gary Moore spielt, und einen Kerl als Sänger zu haben, der den gleichen kulturellen Hintergrund hat wie Phil. Das ist gar nicht respektlos gegenüber Cover-Bands. Ich wollte mein ganzen Leben eine THIN LIZZY-Coverband haben. Aber man hört einen anderen Herzschlag, wenn solche Leute die Songs spielen.

 

m/o: Was ist Scotts Rolle in der Band? Die Ikone, der Opa, der geistige Führer?

Ricky: Vielleicht etwas von allem (lacht). Im Ernst: Er ist Scott Gorham. Er ist eine Legende. Er hat nicht den Großteil des Songwritings gemacht, aber er hat einige echte Killer-Riffs beigesteuert. Er ist ein Riff-Mann. Er bringt keine fertigen Songs. Er sagt dann eher: „Hier hab ich dieses Riff, schaut mal, was ihr damit anstellen könnt. Ich vertraue Euch.“ Wir arbeiten das dann aus und er sagt dann: Ich mag dies, oder ich mag jenes. Er ist Scott Gorham! Er ist ein Rock-n’-Roll-Star, hat Haltung. Er ist der Typ, der nicht trainieren muss, aber jeden Samstag auftaucht und drei Tore macht. Er ist der Mittelstürmer, der ohne Übungseinheiten auskommt. Er hat es einfach drauf.

 

m/o: Kann es BLACK STAR RIDERS ohne ihn geben, wenn er in ein paar Jahren in Rente geht?

Damon: Das ist schwer vorstellbar. Ich habe über Deine Frage nachgedacht, als Ricky geantwortet hat. Also: Was ist Scotts Rolle? Er ist die Haus-Ikone, die es einfach braucht. Er hat uns das Geschenk des THIN LIZZY-Vermächtnises gemacht. Damit hat diese Band angefangen. Dafür sind wir sehr dankbar und respektieren ihn sehr. Ricky hat ja schon gesagt: Scott vertraut uns und der ganzen Band. Er weiß, dass wir nie etwa dämliches schreiben oder sagen würden, das ihn beschämt oder das große Erbe beschädigt. Das ist unser Herz und Seele. Er weiß das. Die Fans wissen das. Ich denke, dass wir als BLACK STAR RIDERS auch deshalb so gut aufgenommen wurden. Die Leute mögen es, wenn wir die Klassiker spielen. Und für einen Musiker wie mich kann es ja kaum besser kommen. Ich spiele einen Song, den wir in Rickys Wohnzimmer geschrieben haben, und danach „Emerald“. Besser wird es einfach nicht mehr.

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