CD & DVD-REVIEWS:

Chris Rea - Road Songs ForLovers

Chris Rea meldet sich trotz herber gesundheitlicher Rückschläge wieder mit einer neuen Scheibe zurück. Auf „Road Songs For Lovers“ geht es wiederum extrem entspannt zur, wie unser Rezensent feststellt.

MOTÖRHEAD – Under Cöver

Wie ist die neue MOTÖRHEAD-Coverscheibe? Darüber gehen die Meinungen in der Redaktion doch ziemlich auseinander, wie man HIER lesen kann.

QUIET RIOT – ROAD RAGE

QUIET RIOT sind (mal wieder) mit nem neuen Sänger - dem  „American Idol“- Gewinner James Durbin und neuem Album unterwegs-. Die Scheibe hat eine ziemlich turbulente Entstehungsgeschichte, wie man HIER nachlesen kann.

DIRKSCHNEIDER Nochmal Back To The Roots

Herr DIRKSCHNEIDER hat mal wieder ne neue Live-Scheibe aufgenommen - mit Material seiner Ex-Kapelle ACCEPT. Der Sinngebung dieser Unterfangens spürt HIER unser Rezensent Markus Renner nach:

Luke Morley ist seit 25 Jahren der kreative Kopf bei THUNDER. Fotos: Niels Holger Schmidt
Luke Morley ist seit 25 Jahren der kreative Kopf bei THUNDER. Fotos: Niels Holger Schmidt

IM GESPRÄCH: Luke Morley/THUNDER

„Fuck it, lass’ uns eine neue Platte machen“

Die britischen Classic-Rocker THUNDER haben sich in diesem Jahr nach langer Pause mit ihrer neuen Scheibe „Wonder Days“ beeindruckend zurückgemeldet. Niels Holger Schmidt plauderte mit Mastermind Luke Morley über die Rückkehr der Band.

Seit Jahrzehnten ein Gespann: Sänger Danny Bowes und Luke Morley
Seit Jahrzehnten ein Gespann: Sänger Danny Bowes und Luke Morley

m/o: Eure aktuelle Platte heißt „Wonder Days“. War es tatsächlich ein Wunder, dass THUNDER nach acht Jahren Pause ein neues Album gemacht haben? Das war überraschend.

Morley: In der Zeit nach unserer Auflösung und vor dem neuen Album haben wir ja ab und an ein paar Auftritte gespielt. Wir waren auch weiter gut befreundet. 2013 hatten wir das Angebot, eine Tour durch große Arenen mit WHITESNAKE und JOURNEY zu spielen. Den Spaß wollten wir uns nicht entgehen lassen. Die Publikumsreaktionen waren überwältigend. Danach haben wir noch in Wacken gespielt. Und auch hier hatten wir das Gefühl, dass viele Leute THUNDER noch immer lieben. Auf den Rückflug haben wir uns gesagt: Fuck it, lass’ uns eine neue Platte machen. Ich habe dann angefangen, zu schreiben. Etwa sechs bis acht Monate später begannen die Aufnahmen. Es war einfach der richtige Zeitpunkt.


m/o: Eigentlich habt ihr euch nie wirklich aufgelöst, nur aufgehört neue Platten aufzunehmen…

Morley: Nein, so kann man das nicht sagen. Als wir aufhörten, gab es keinen Plan, noch mal anzufangen. Danny wollte sich ein zweites Standbein als Konzertagent aufbauen. Das war in Ordnung. Mit einem anderen Sänger wollten wir nicht weitermachen. Wir hatten auch alle andere Projekte. Dann haben wir uns eben darauf konzentriert. Auch wenn es damals keinen Plan gab, wieder anzufangen, sind wir weiter dicke Freunde geblieben, Und manchmal ändern sich die Umstände eben.

Kämpfe erfolgreich gegen Krebs: Ben Matthews.
Kämpfe erfolgreich gegen Krebs: Ben Matthews.

m/o: Scheinbar müsst ihr euch alle zehn Jahre auflösen: 1999, 2009. Nun müsst ihr bis 2024 weiterspielen…

Morley: (lacht) Naja, sehen wir mal. Vielleicht noch mal fünf Jahre. Aber manchmal ist es ganz gut, eine Pause zu machen.

 

m/o: Jon Lord hat mir in einem Interview nach seinem Ausstieg bei DEEP PURPLE gesagt, er wäre wohl in der Band geblieben, wenn sie wie GENESIS in den 80ern gearbeitet hätten: ein Album und eine Tour alle fünf Jahre – dazwischen Zeit für andere Dinge. Braucht man solche Unterbrechungen, um frisch zu bleiben?

Morley: Das ist ein wichtiger Punkt: Die Kreativität, Songs zu schreiben, kann man nur schwer auf Knopfdruck anschalten. Im Hinblick auf DEEP PURLE kann ich Jons Punkt gut verstehen: Die hören niemals auf zu arbeiten. Die Tourneen – einfach unglaublich. Ich bin eher unsicher, ob ich derart viel touren wollen würde. Deshalb kann ich ihn da gut verstehen. Das Wichtigste ist für mich auf der Bühne, aber auch als Songschreiber, die hohe Qualität zu halten.

Es gibt viele Bands, die Alben so dahin schludern. Das will ich nicht. Mir ist es wichtig, dass alles, was wir veröffentlichen, so gut ist, wie es irgend möglich ist. Und das braucht halt Zeit. Es braucht vielleicht ein Jahr, ein wirklich gutes Album zu schreiben.

 

m/o: Bei deinem langjährigen Gitarrenpartner Ben Matthews wurde vor Beginn der Aufnahmen Krebs diagnostiziert. Abgesehen davon, dass er nichts für das Album einspielen konnte: Wie schlägst sich so eine Nachricht in der Stimmung der Platte nieder? Ich habe den Eindruck, dass sie eine hintergründig bluesige, melancholische Stimmung hat. Ist da etwas?

Morley: Schwierig zu sagen, aber ja, vielleicht. Als bei Benny der Krebs festgestellt wurde, waren die Songs vielleicht zur Hälfte fertig, also noch bevor die Aufnahmen losgingen. Natürlich hatte das einen Effekt auf uns alle. Wir sind enge Freunde, kennen uns seit Teenager-Tagen. Wenn ein enger Freund sowas durchmacht, berührt dich das natürlich.

Danny Bowes ist auf die Bühne noch immer eine Bank.
Danny Bowes ist auf die Bühne noch immer eine Bank.

m/o: Trotzdem musstet ihr aufnehmen…

Morley: Ja, als seine Diagnose kam, hatten wir einen sehr engen Zeitplan. Und zufällig hatte ich zu der Zeit, als Ben die Diagnose bekam, angefangen, mich ernsthafter mit den Keyboards zu befassen. Deshalb konnte ich die meisten Sachen auf der Platte selbst spielen. Das hat uns sehr geholfen, nicht ins Stocken zu geraten. Ben hätte auch nicht gewollt, dass wir unterbrechen. Ich glaube, es hat ihm in der schlimmsten Phase seiner Behandlung geholfen, wenn wir ihm neue Musik und neues Zeug geschickt haben. Hat es uns beeinflusst? Ja sicher. Es gibt da diesen Song „Resurrection Day“, der indirekt von Ben und seinem Zustand handelt. Ja. Es hat einen Effekt gehabt, auch wenn man kaum sagen kann, wie groß dieser Einfluss ist. Aber wir alle haben natürlich darüber nachgedacht.

 

m/o: Ben ist etwa dein Alter…

Morley: Sogar etwas jünger...

 

m/o: Was hast du gedacht, als du von der Diagnose gehört hast. In den letzten Jahren sind einige berühmte Kollegen wie Jon Lord oder Dio am Krebs gestorben. Aber das ist ja die Generation der Väter. Wie war das Gefühl, dass es einen engen Weggefährten von dir trifft?

Morley: Man stellt natürlich viele Dinge in Frage, auch wenn bei Bens Diagnose schnell klar war, dass seine Genesungschancen bei diesem Krebstyp sehr hoch waren. Aber es war trotzdem ein Schock. In unserem Beruf hat man ja das Gefühl, immer 21 zu sein: Gitarre spielen, Feiern, zuviel trinken, Mädchen abschleppen und all das Zeug.

Und auf einmal merkt man: Verdammt, ich bin über 50. Wie zur Hölle ist das passiert?

Schlagzeuger Harry James ist seit Bandgründung 1989 dabei.
Schlagzeuger Harry James ist seit Bandgründung 1989 dabei.

m/o: Hast du dich durch die Nachricht Älter gefühlt?

Morley: Ja auf eine Art schon. Es ist wie ein Ankommen in der Realität. Etwa zwei Jahre früher sind zwei gute Freunde von mir gestorben. Einer davon an Krebs. Mit 43. Ein anderer ist mit 45 tot umgefallen. All diese Dinge geben dir einen anderen Blick. Auf der anderen Seite bringt es Dich dazu, das zu akzeptieren. So ist das Leben.

 

m/o: THUNDER haben immer sehr gute Platten gemacht, haben auf dem Kontinent nie den Sprung in die großen Arenen geschafft, sind eine Club Band geblieben. David Coverdale wollte dich für WHITESNAKE…

Morley: Das war nicht so, auch wenn viele Leute das behauptet haben.

 

m/o: Wie war es wirklich?

Morley: Im Wesentlichen hat er bei verschiedenen Interviews erzählt, dass er unsere Band und auch mein Gitarrenspiel mag, aber weiter ging es nicht. Und bekanntlich haben WHITESNAKE einen ziemlich konstanten Wechsel von Gitarristen. Wir haben oft mit ihm bei den gleichen Konzerten gespielt und mit ihm abgehangen. Daraus haben Leute wohl falsche Schlüsse gezogen.


m/o: Vielleicht wäre es für WHITESNAKE stilistisch ganz gut gewesen, jemanden zu haben, der nicht der klassische Hair Metal Typ wie Adrian Vandenberg oder John Sykes ist.

Morley: Aber das ist eben genau das, was David mag. Und das wäre nicht die richtige Stelle für mich gewesen.

Chris Childs ist seit 1996 für die tifen Töne zuständig.
Chris Childs ist seit 1996 für die tifen Töne zuständig.

m/o: Ihr seid die einzige Band aus der britischen Hardrock-Welle der späten 80er, die es noch in gleicher Besetzung gibt. Warum gerade ihr?

Morley: Vielleicht ist das Wichtigste, dass wir uns nie um die verschiedenen modischen Konjunkturen geschert haben, sondern einfach die Musik gespielt haben, die wir eben spielen. Wir haben uns nie darum geschert, wie relevant wir sind oder so. Wir haben einfach versucht, bei dem was wir machen, so gut wie irgend möglich zu sein. Und von den anderen Bands, etwa die Quireboys oder auch Blaze Bailey, sind auch noch einige Leute aktiv.

 

m/o: Dennoch, hast du dich je gefragt, warum THUNDER die einzige Formation sind, die als Band überlebt haben.

Morley: Das hat auch damit zu tun, dass Danny und ich schon Freunde waren, bevor wir eine Band gegründet haben. Wir waren uns menschlich immer nah. Kreativ war es immer die Art von Musik, die wir machen wollten. Niemand hatte Lust auf Ausflüge in Jazz, Funk oder Reggae oder Country & Western. Wir haben alle auch mal andere Sachen gemacht, aber es gibt immer eine gemeinsame Vision von dem, was THUNDER sein sollten. Und wichtig für unser Überleben ist sicher auch gewesen, dass wir eine großartige Live-Band sind. Und selbst wenn wir keine neuen Platten mehr gemacht haben, gab es immer konstant Nachfrage nach der Band, vor allem im Vereinigten Königreich. Und wir hatten auch immer Spaß daran, zu spielen. Mehr als alles andere war genau entscheidend: Wir haben verdammt noch mal Spaß daran. Das ist das Wichtigste. Viele andere Bands waren es einfach leid irgendwann.

"Wichtig für unser Überleben ist sicher auch gewesen, dass wir eine großartige Live-Band sind", sagt Morley.
"Wichtig für unser Überleben ist sicher auch gewesen, dass wir eine großartige Live-Band sind", sagt Morley.

m/o: Was können junge Bands aus dieser Erfahrung lernen?

Morley: Die Frage unseres Überlebens als Band hat natürlich auch eine geschäftliche Seite. Man musste Glück haben in einer Zeit hoch zu kommen, in der Plattenfirmen noch viel Geld in Bands investiert haben. THUNDER hatten dieses Glück. Wir haben von dem vielen Geld profitiert, das EMI in uns investiert haben. Heute ist dieses Geld für junge Bands nicht mehr da. Und heute gibt es derart viele Bands. Auch über Internet kommt es über einen. Dabei ist noch der leichteste Teil, die Platte zu machen. Das kostet heute nicht mehr so viel Geld. Wir konnten es uns damals nicht selber leisten, ein Album zu machen ohne dieses Investment. Was heute passiert ist: Viele Leute können ein Album machen und über das Internet auch veröffentlichen. Aber es ist dadurch eine solche Masse, dass man das nicht mehr hören, sich nicht mal ein vernünftiges Bild machen kann. Glücklicherweise hatten wir uns unsere Fanbasis schon aufgebaut, als das los ging. Deshalb hing unsere Zukunft nicht von der Digitalisierung der Branche, dem Internet und so weiter ab. Das ist für junge Bands heute anders.

 

m/o: Da wir bei jungen Bands sind: Ihr habt immer sehr qualitativ hochwertige Vorbands, die auch stilistisch zu Euch passen, etwa GLYDER, HEAVENS BASEMENT oder COLOUR OF NOISE. Sind die handverlesen?

Morley: Ja, darauf achten wir. Die Leute zahlen heute viel Geld für Karten. Man muss etwas dafür bieten. Wenn sie wissen, dass sie an einem Abend zwei oder drei gute Bands bekommen, sind sie eher bereit, beim nächsten Mal wieder zu kommen. Abgesehen davon: Wenn man eine gute Vorgruppe hat, ist das Publikum viel aufnahmebereiter, wenn wir die Bühne betreten. Das macht es auch für uns leichter.

 

m/o: Dennoch: „Pay to Play“ ist weit verbreitet, wenn große Bands ihre Supportbands zur Kasse bitten. 

Morley: Machen wir nicht, haben wir auch nie gemacht. Wenn neue Bands eh auf dem letzten Loch pfeifen, ist es die falsche Zeit, sie abzukassieren.

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