CD & DVD-REVIEWS:

DANZIG – Black Laden Crown

Das erste DANZIG Album mit ausschließlich neuen Songs seit sieben Jahren serviert und Glenn DANZIG - und macht damit eine historische Bauchlandung, findet unser Rezensent.

DEEP PURPLE – inFinite

Die britischen Rock-Giganten DEEP PURPLE legen mit „inFinite“ Album Nr. 20 vor. Ein ziemlich gelungenes, entspanntes Alterswerk - und vielleicht das letzte, mutmaßt unserer Rezensent HIER:

CHICKENFOOT – Best + Live

Die All-Star-Truppe CHICKEN- FOOT hat ne neue Scheibe, so mehr oder weniger zumindest. Was von dem Best Of und Live-Doppelschlag zu halten ist, steht HIER:

BÜHNENNOTIZEN:

DOUBLE CRUSH SYNDROME live in Düsseldorf

DOUBLE CRUSH SYNDROME haben ein starkes Album abgeliefert. Aber schaffen sie den Live-Test? Das beantwortet unser Rezensent HIER.

Mit GOV'T MULE fährt Warren Haynes regelmäßig musikalisch mächtig ab. Fotos: Niels Holger Schmidt
Mit GOV'T MULE fährt Warren Haynes regelmäßig musikalisch mächtig ab. Fotos: Niels Holger Schmidt

IM GESPRÄCH: Warren Haynes (GOVT MULE)

"Das größte Problem ist das große Geld in der Politik"

Warren Haynes serviert uns dieser Tage wieder allerlei Hörstoff. Neben einer ganzen Kaskade von GOV’T MULE-Konzertveröffentlichungen hat er mit „Ashes & Dust“ auch eine neue, ungewöhnliche Solo-Scheibe am Start. Grund genug für Niels Holger Schmidt, sich vom Gitarren-Workaholic einmal die Hintergründe im Interview erläutern zu lassen. Er traf einen Musiker, deN auch die gesellschaftliche Entwicklung in seinem Land umtreibt.

Haynes fühlt sich Blues-Legende B.B. King musikalisch eng verbunden.
Haynes fühlt sich Blues-Legende B.B. King musikalisch eng verbunden.

m/o: Warren, Du hast mal gesagt, B.B. King sei ein Vorbild für Dich gewesen, weil er gezeigt habe, dass man ein großartiger Sänger und ein großartigen Gitarrist sein kann. Nun ist er jüngst mit fast 90 gestorben. Was bedeutet Dir das?

HAYNES: B.B. war einer der ganz Großen überhaupt. Er war ein Stück Musikgeschichte, auf Augenhöhe mit John Coltrane, Duke Ellington, Howlin’ Wolf, Bob Dylan oder Bob Marley. B.B. Kings Musik, Stimme und Gitarrenspiel hat einfach jeden beeinflusst, der nach ihm kam, selbst wenn einem selbst das nicht bewusst ist. Sein Einfluss war derart überragend, dass es einfach jeden berühren musste.


m/o: Wie hat er Dich beeinflusst?

HAYNES: Als ich sehr jung war, bevor ich angefangen habe Gitarre zu spielen, hörte ich vor allem auf Sänger und versuchte singen zu lernen. Und ich liebte B.B. Kings Stimme. Als ich auch mit der Gitarre anfing, wurde mir klar, dass all meine Lieblingsgitarristen B.B. King studiert haben. Ich habe seine Musik, entdeckt, als ich nicht mal ein Teenager war. Als ich einer war, habe ich mich damit tiefer befasst. Er war ein riesiger Einfluss. Ich wollte immer eine so große, starke Stimme haben und ich wollte, dass meine Gitarre klingt, wie meine Stimme. Und zwar so, wie das auch bei ihm war.


m/o: Ein anderer wichtiger Weggefährte von Dir ist vor rund 15 gestorben: Euer Bassist Allen Woody. Vermisst Du ihn manchmal auf der Bühne?

HAYNES: Ja. Seine Präsenz auch auf der aktuellen Tour ist sehr stark. Allen Woody ist irgendwie noch immer bei uns. Wir reden oft über ihn, meist über lustige Anekdoten. Woody war eine wirklich witziger Kerl, ein wundervoller Musiker und vor allem ein guter Freund. Wir vermissen ihn.


m/o: Nach seinem Tod habt ihr zunächst mit Gast-Bassisten weitergemacht, dann aber mit festen, erst Andy Hess von den BLACK CROWES, jetzt Jorgen Carlsson. Was ist der Unterschied mit ihnen zu spielen, im Vergleich mit Woody?

HAYNES: Alle drei unserer festen Bassisten sind extrem gute Musiker. Allen Woody war ein sehr einzigartiger, aggressiver Bassist. Er spielte Bass eher wie ein Gitarrist. Als er starb, war unklar, wie wir weitermachen können. Für uns war die beste Lösung, erstmal mit alle den verschiedenen Bassisten weiterzumachen. Das waren immer 25 der besten Bassisten der Welt, für die beiden „Deep End „-Alben. Und die Band wurde durch diesen ganzen Prozess und dieses ganze Konzept sehr beeinflusst. Als wir anfingen mit Andy Hess zu arbeiten, wurde uns klar, dass er sehr anders als Allen Woody ist. Aber trotzdem ist er ein fantastischer Spieler mit seinem eigenen Stil, eher Groove-orientiert, weniger aggressiv.

Jorgen Carlsson tritt am Bass in die Fußstapfen des legendären Allen Woody.
Jorgen Carlsson tritt am Bass in die Fußstapfen des legendären Allen Woody.

m/o: War er eher ein Begleiter als ein Solo-Künstler?

HAYNES: Ja, sicher. Aber wir haben damals ja Andy Lewis als Keyboarder hinzu genommen, waren also kein Trio mehr. Deshalb funktionierte die andere Herangehensweise beim Bass sehr gut, weil wir einfach ein Instrument mehr hatten. Als Andy 2008 ausstieg, kam Jorgen Carlsson. Das Zusammenspiel mit ihm ist dem mit Allen Woody viel ähnlicher. Er ist auch ein verrückter, aggressiver Spieler. Sie unterscheiden sich natürlich, haben auch viele Gemeinsamkeiten im Stil. Es war wohl auch an der Zeit, diesen Geist zurück in die Band zu bringen.

 

m/o: Hättet Ihr überhaupt einen Keyboarder in die Band geholt, wenn Woody nicht verstorben wäre?

HAYNES: Schwer zu sagen. Als Trio mochten wir es, Freunde zum Jammen dazu zu holen. Oft haben wir 90 Minuten als Trio gespielt und für eine weitere Stunde einen Freund dazu geholt, mal einen Keyboarder, mal einen anderen Gitarristen, mal Saxophon. Aber wir fingen damals schon an Songs zu schreiben, die eine größere Besetzung, brauchten. Das kann man schon auf unserer dritten, Allen Woody letzter, Platte, „Life Before Insanity“ hören. Viele der Songs haben schon Keyboards und hätten als Trio auch nicht funktioniert. Wir bewegten uns damals also schon in diese Richtung. Ich weiß nicht, ob wir einen festen Keyboarder dazu genommen hätten, aber wir hatten viel Spaß mit Chuck Leavell, Bernie Worrell oder Johnny Neel, wenn sie mit uns auftraten. Aber als Woody starb, haben wir uns entschlossen, einen Keyboarder dazu zu nehmen. Und je länger Danny Louis in der Band ist, ändert sich seine Rolle: Er spielt jetzt mehr Gitarre, auch Posaune, singt viele Harmonien. Er ist also nicht mehr nur der Keyboarder. Er füllt viel Raum.

 

m/o: Zum 20. Geburtstag habt Ihr eine ganze Welle von Live-Platten aus allen Phasen der Band veröffentlicht. Neben einer mit PINK FLOYD-Songs auch eine mit Reggae-Nummern und sogar eine mit einem ROLLING STONES-Programm. Warum das? Die eher simplen STONES-Nummern passen nicht so recht zu Eurem exzessiven Stil.

HAYNES: Zu Halloween und Silvester spielen wir immer spezielle thematische Shows, sehr lange Shows. Da gibt es dann einen MULE-Set und einen besonderen thematischen. Wir haben zum Beispiel LED ZEPPELINS „Houses of the Holy“ „WHO'S Next „ oder einen reinen Jimi Hendrix-Set gespielt, auch mal mit STONES-Songs oder mit AC/DC-Material. Letztes Jahr haben wir Neil Young Songs gespielt. Aber das ist immer nur zusätzlich zu einem MULE-Set. Unsere Fans in den USA erwarten inzwischen solche besonderen Shows. Und Hardcore-Fans haben auch sicher ersehnt, dass wir diese Shows veröffentlichen. Für alle anderen ist das sicher irritierend. Und wir haben es tatsächlich auch nur zum 20. Geburtstag der Band gemacht.

Andy Lewis kam als Keyboarder in die Band, spielte heute aber auch Gitarre.
Andy Lewis kam als Keyboarder in die Band, spielte heute aber auch Gitarre.

m/o: Du hast drei Projekt gleichzeitig am Start: MULE, deine Solo Band und die neue, folkige Platte „Ashes & Dust“. Das ist eine ziemliche Spannbreite.

HAYNES: Ja. Ich genieße es mich in unterschiedlichen musikalischen Stilen auszudrücken. Es ist mir tatsächlich wichtig, viele der Stile auch zu zeigen, die mich beeinflusst haben. Als ich 1989 bei den ALLMAN BROTHERS eingestiegen bin, hat das die Richtung meiner Karriere sehr drastisch verändert. Man kann überhaupt nicht sagen, was passiert wäre, wenn ich das nicht gemacht hätte. Wäre ich Solo-Künstler geblieben oder hätte ich eine Band gegründet, die niemand von uns heute kennt? Als Musiker macht man immer nur den nächsten Schritt und macht gerade das, was des Weges kommt. Ich hatte viel Glück dieses Angebot von den ALLMAN BROTHERS zu bekommen. Aber es hat natürlich auch mein Publikum verändert. Ich habe viele Songs geschrieben, die nicht zu diesem Sound passen. So sind in den letzten 30 Jahren viele Songs liegen geblieben. Ich hatte mehr Songs dieser Art, als in anderen Stilrichtungen. Deshalb haben wir 30 Songs aufgenommen. Und der Rest kommt auch noch heraus.

 

m/o: Die neue Platte ist musikalisch sehr anders: Folkig, keltisch, etwas Americana…

HAYNES: Ja, das ist die Musik, die man in meiner Heimat in den Bergen von North Carolina überall spielt und dort „Mountain Music“ nennt. Es ist vereint Folk und keltische Melodien, Bluegrass.

 

m/o: Wie bist Du auf RAILROAD EARTH als Begleitband gekommen?

HAYNES: Sie haben einfach eine sehr coole Chemie untereinander und auch mit mir. Und sie spielen sehr viele verschiedene Instrumente. Es ist schön, wenn man von Song zu Song entscheiden kann: Diese Nummer bräuchte ein Banjo, dieses würde eine Dobro vertragen und jene Piano.

 

m/o: Gibt es einen Stil, den Du als Deine musikalische Heimat bezeichnen würdest?

HAYNES: Sicher Blues, Soul und Rock, ich mag auch Jazz. Aber ich wäre nie glücklich mit nur einer Stilrichtung. Blues zu spielen und zu singen ist so befreiend für mich. Aber ich kann nicht nur das die ganze Zeit machen.

 

m/o: Roger Glover von DEEP PURPLE hat mal gesagt, GOV’T MULE seien die am härtesten arbeitende Band, die er je getroffen habe. Das war nach einem sechsstündigen Konzert von Euch…

HAYNES: …bei dem er ja mitgespielt hat. Manchmal ist es etwas wie Sport. Danach ist man zwar erschöpft, hat aber ein Lächeln im Gesicht. Aber diese Show war tatsächlich die längste, die wir je gespielt haben, wirklich sehr lang. Wenn ich den Mitschnitt heute höre, bin ich immer noch platt, wie gut das war.

Schlagzeuger Matt Abts ist Warren Haynes' Begleiter seit der Gründung von GOV'T MULE
Schlagzeuger Matt Abts ist Warren Haynes' Begleiter seit der Gründung von GOV'T MULE

m/o: Ihr lasst Mitschnitte bei Euren Auftritten zu. Viele Bands sind da viel strikter, weil sie Probleme durch schrumpfende Plattenabsätze haben. Habt ihr die nicht?

HAYNES: Um dem zu begegnen, haben wir muletracks.com geschaffen, wo man alle unsere Gigs kostenpflichtig, in guter Qualität herunterladen kann. Auf der anderen Seite lassen wir private Mitschnitte zum Tausch zu. Und das war insgesamt sehr erfolgreich. Über drei Millionen Songs wurden da schon heruntergeladen. Das ist für eine Band wie uns sehr viel. Aber das Konzept funktioniert natürlich nur, wenn man jeden Abend ein anderes Programm spielt. Die heutige Show wird anders sein als die davor und die danach. Im Rahmen einer Tour spielen wir sicher 100 verschiedene Songs.

 

m/o: Du hast eine Benefizplatte für die Occupy-Bewegung gemacht, Auftritte für Barak Obama. Das ist eher ungewöhnlich in der US-Rockszene, wo echte Rednecks wie Ted Nugent oder James Hetfield unterwegs sind.

HAYNES: Ja, wir gehören sicher auf die liberale Seite…

 

m/o: …was in Europa so etwas wie progressiv bedeuten würde…

HAYNES: Ja. Aber ich denke in der Kulturszene ist die Mehrheit der Künstler, Musiker oder Schauspieler liberal. Es ist eher ungewöhnlich auf der Seite der Konservativen zu sein, wie Ted Nugent es ist. Vielleicht ist es so, dass man als kreative Person mit Hingabe das Recht jedes Menschen respektieren muss, ein gutes Leben zu haben. Ich bin nicht mit allem einverstanden, was Obama macht. Aber ich denke, die andere Seite wäre viel, viel schlimmer gewesen.

Haynes setzt vor allem auf Gibson-Gitarren.
Haynes setzt vor allem auf Gibson-Gitarren.

m/o: Wenn Du seine Amtszeit betrachtest, hat er große Veränderungen gebracht, wie viele Leute es erwartet haben?

HAYNES: Es war schwierig, weil es so großen Widerstand gegen seine Regierung gab. Aber wir haben zum Beispiel jetzt das Recht auf eine Krankenversicherung. Das ist ein riesiger Fortschritt. Er hat einige große Schritte gemacht. Aber die Leute sind inzwischen vom politischen System insgesamt so frustriert, weil es zum Teil eine Ewigkeit dauert, einfachste Dinge umzusetzen. 

 

m/o: Jüngst gab es immer wieder Polizeigewalt gegen Schwarze. Es folgten Proteste und Straßenschlachten. Brodelt es in den USA unter der Oberfläche?

HAYNES: Ich denke nicht. Aber es gibt ein großes Problem mit dem Verhalten der Polizei gegenüber der schwarzen Community. Das gibt es schon lange. Jetzt merken Leute zunehmend: Es muss sich etwas ändern. Zu behaupten, solche Dinge gebe es nicht, ist verkehrt, denn es existiert offensichtlich. Die USA sind nicht das einzige Land, das Probleme mit seiner Polizei hat. Aber wir erfahren das gerade ganz konkret. Wir haben genauso ein Problem, weil wir zu viele Leute in den Knast stecken. Auch das muss angepackt werden. Was mir Hoffnung gibt ist der Umstand, dass immer mehr auffällt, wie lächerlich hoch die Zahl der Gefangenen verglichen mit anderen Ländern ist. Wir blasen uns immer auf und sagen: „Wir sind die Nr. 1“ und haben mehr Kriminelle als fast jedes andere Land. Das ist völlig widersprüchlich.

 

m/o: Was erwartest Du vom nächsten Präsidenten oder der nächsten Präsidentin. Wird es Hillary Clinton?

HAYNES: Ja vielleicht wird sie es. Und ich glaube, sie wäre keine schlechte. Aber die Leute haben Bedenken, egal wer es wird. Aber ich habe den Eindruck, dass es gerade eher in die richtige Richtung geht. Aber das größte Problem in Amerika ist das große Geld in der Politik. Schau Dir an, welche irrsinnigen Summen ausgegeben werden, damit Leute gewählt werden. Das ist ein Witz, verglichen mit fast jedem anderen Land. Aber es liegt an den Menschen in Amerika, das zu beenden. Bisher haben sie das nicht gemacht.

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