CD & DVD-REVIEWS:

MOTÖRHEAD – Under Cöver

Wie ist die neue MOTÖRHEAD-Coverscheibe? Darüber gehen die Meinungen in der Redaktion doch ziemlich auseinander, wie man HIER lesen kann.

QUIET RIOT – ROAD RAGE

QUIET RIOT sind (mal wieder) mit nem neuen Sänger - dem  „American Idol“- Gewinner James Durbin und neuem Album unterwegs-. Die Scheibe hat eine ziemlich turbulente Entstehungsgeschichte, wie man HIER nachlesen kann.

DIRKSCHNEIDER Nochmal Back To The Roots

Herr DIRKSCHNEIDER hat mal wieder ne neue Live-Scheibe aufgenommen - mit Material seiner Ex-Kapelle ACCEPT. Der Sinngebung dieser Unterfangens spürt HIER unser Rezensent Markus Renner nach:

EDGUY – Monuments

Die Umsatzkönige EDGUY fräsen sich schon nunmehr seit 25 Jahren mit ihren etwas zu klebrigen Melodien in unser Gehör. Das begehen sie mit einem fetten Packet aus Best-Of, nagelneuen Nummern und einer DVD. Lohnende Anschaffung, findet unserer Rezensent.

EUROPE - Final Countdown 30th Ann. Show

 

Vor drei Dekaden haben EUROPE mit „Final Countdown“ sämtliche Hitparaden geknackt. Das wurde 2016 auch livehaftig gefeiert. Was von dem gerade erschienen Mitschnitt der Feierlichkeiten zu halten ist, steht HIER

 

Ian Paice (li.) und Roger Glover baten zur Audienz. Fotos: Niels Holger Schmidt.
Ian Paice (li.) und Roger Glover baten zur Audienz. Fotos: Niels Holger Schmidt.

IM GESPRÄCH: DEEP PURPLE

Den Fuß (noch) in der Tür

Tiefenentspannt, so wirken Roger Glover und Ian Paice (Bassist und Schlagzeuger der britischen Rock-Veteranen DEEP PURPLE, als sie sich auf einem tiefpurpurnen Sofa – welch Ironie – im Düsseldorfer Edelhotel Breidenbacher Hof der versammelten Journaille stellen. Die Rock-Urgesteine sind gekommen, um ihr nagelneues Album „inFinite“ vorzustellen. Vielleicht das letzte ihrer inzwischen fast 50 Jahre währenden Laufbahn.

Während Ian Gillan (l.) seit 1969 zur klassischen Besetzung gehört, ist Steve Morse et 1994 dabei.
Während Ian Gillan (l.) seit 1969 zur klassischen Besetzung gehört, ist Steve Morse et 1994 dabei.

m/o: Ihr seid ewig im Geschäft. Jetzt gibt es erstmalig einen Film über die Entstehung eines Albums. Warum?

Roger Glover: Die Idee kam von Craig Hooper, dem Filmemacher. Er meinte: Es gibt zwar viele Dokumentationen über DEEP PURPLE, aber nur über die alten Tage in den 70ern. Das ist ja auch verständlich, das sind die ruhmreichen Zeiten gewesen, als alles begann. Aber uns gibt es noch immer, im Hier und Jetzt. Craig meinte: Es gibt nichts, über die Zeit seit Steve Morse dabei ist. Und das sind inzwischen 23 Jahre. Er hat uns die Idee vorgestellt. Und wir haben gesagt: OK, machen wir das.

 

Wie war es unter Dauerbeobachtung zu stehen?

Glover: Es ist nicht ganz einfach, sich zu entspannen, wenn ständig Kameras auf einen gerichtet sind. Im Studio, wenn man Musik erschafft, ist das ein sehr sensibler Moment. Dabei will man eigentlich nicht beobachtet werden. Aber Craig hatte ein sehr kleines Team, das in der Lage war, sich fast unsichtbar zu machen. Und wir kannten sie schon. Das macht es viel einfacher. Und nach ein paar Stunden hat man fast nicht mehr gespürt, dass sie da waren.

Ian Paice: Als wir 2012 im Studio waren, habe ich selbst meine zehn Video-Kameras mitgebracht. Ich habe schon länger mit Video herumgespielt. Ich fand: Wir sollten diese Momente festhalten. Aber ich konnte nicht alle überzeugen. Deshalb sind die Sachen noch immer privat. Diesmal ging es darum, ein professionelles Team zuzulassen, das diese Momente festhält: Wenn Sachen funktionieren oder nicht funktionieren, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, wie sich Dinge entwickeln, die am Ende auf der Platte landen. Das wollte ich dem Publikum immer zeigen. Eigentlich bekommt man als Fan nur das fertige Produkt. Zu sehen, wie es sich entwickelt hat, ist doch so interessant. Gerade wenn man wirklich ein leidenschaftlicher Anhänger einer Band ist. Gerade aus dem Blickwinkel eines Fans ist es wahnsinnig interessant zu sehen, wie wir arbeiten und wie wir am Ende hier landen (Paice präsentiert das fertige Album).

Glover: Das ist übrigens das erste Mal, dass ich das in der Hand halte. Sowas ist immer ein magischer Moment, wenn man mehrere Jahre an so etwas gearbeitet und Leidenschaft hineingesteckt hat und man es in der Hand halten kann.

Paice: In diesem Moment gehört es uns. In den paar Wochen, bis es veröffentlicht ist, ist es gewissermaßen nur Dein Eigentum. Danach ist das vorbei.

Glover: Ich erinnere mich noch, als 1965 die erste Platte erschienen ist, auf der ich eine B-Seite geschrieben hatte. Als ich die das erste Mal in der Hand hielt, habe ich sie umgedreht und meinen Namen unter dem Song gelesen habe. Es war das Gefühl: Ich existiere.

Noch immer dynamisch: Ian Paice.
Noch immer dynamisch: Ian Paice.

Ihr seid eine britische Rockband. Warum die Aufnahmen in Nashville? Die Stadt steht eigentlich für die Country-Szene?

Paice: Nashville ist der einzige Ort, der übrig ist. Los Angeles ist musikalisch erledigt, in New York läuft nichts mehr und London gibt es die Abbey Road Studios und vielleicht ein, zwei andere geeignete. In Nashville ist heute fast jeder, nicht nur Country Musiker, sondern auch Rock, Jazz, Klassik, Hip-Hop. Es gibt noch die Infrastruktur, um gut aufzunehmen, große Studios. Deshalb sind heute die besten Session-Musiker der Welt dort. Und diese alten „Southern Boys“ haben die Kontrolle über ihr Geschäft behalten, während der Rest der Welt das weg geschenkt hat. In Nashville gibt es noch die Radiostationen, Veranstaltungshallen, Studios. Die Musik ist die Lebensader dieser Stadt.

Glover: Wir waren auch dort, weil unser Produzent Bob Ezrin dort ein eigenes Studio hat. Wir haben die Tracks in dem großen Studio „The Tracking Room“ aufgenommen, einige Overdubs dann in Bobs Studio, in einem Haus in einem Vorort. Wir sind vor die Tür gegangen und er hat mir seine Straße gezeigt. Das sind etwa 20 Gebäude: Das ist ein Wohnhaus, das ein Studio, das ein Studio, das ein Wohnhaus, die beiden sind Studios und so weiter. Diese Stadt lebt und atmet Musik.

Roger Glover & Ian Gillan sind die Texter der Band.
Roger Glover & Ian Gillan sind die Texter der Band.

m/o: Beeinflusst euch diese Atmosphäre bei der Arbeit an einem Album?

Glover: Natürlich. Wenn man nach fünf oder sechs Stunden im Studio Feierabend macht, geht man aus seinem Hotel zwei oder drei Minuten und in jeder Kneipe, jedem Club, jedem Restaurant spielt eine Live-Band. Das ist fantastisch. Man kann nach der Arbeit ausgehen und entspannen und nicht nur im Hotel herumhängen. Egal was man will: Wenn einem nach Jazz ist, findet man eine Jazz-Band zum Beispiel. Und das hilft natürlich auch beim Erschaffen der eigenen Musik. Ich könnte da nicht leben, aber um diesen Job zu erledigen ist das fantastisch.

 

m/o: War es nicht ein großes Risiko sich so unter Dauerbeobachtung zu stellen? Die BEATLES haben das auch versucht und haben es wirklich versaut.

Glover: Nein. Wir haben die Kameras erfolgreich übersehen.

Paice: Wenn es nur eine sehr kleine Crew ist – es waren nur drei Mann – und ein sehr großes Studio, vergisst man tatsächlich, dass sie da sind. Wir kannten Craig schon länger. Er erlaubt einem nicht, seine Anwesenheit wahrzunehmen. Er weiß genau: Er spielt die zweite Geige, die Musiker stehen im Mittelpunkt. Und er achtet sehr darauf, dass er den kreativen Prozess nicht stört oder beeinflusst. Wenn das anders ist, geht es nicht. Dann hat man die ganze Zeit das Gefühl, ein Filmstar zu sein, kein Musiker. 

 

2018 gibt es DEEP PURPLE  50 Jahre, die neu Scheibe „inFinite“ ist die 20. Ist das der richtige Zeitpunkt, aufzuhören?

Paice: Das Ende kommt, das wissen wir. Die Uhr tickt unerbittlich. Aber ich kann nicht sagen: Dieses Konzert 2018 oder 2019 wird das letzte sein. Das geht einfach nicht. Das ist wirklich ein erschreckender Gedanke. Das bedeutet, eine Tür, die 50 Jahre offen war, für immer zu schließen. Diesen Mut bringe ich nicht auf. Wir halten uns die Möglichkeit offen, nach dieser „The Long Goodbye Tour“ einen langen Urlaub zu machen und danach zueinander zu sagen: Haben wir Lust auf mehr? Wenn nicht, ist es vorbei. Es war ein großer Spaß. Aber vielleicht haben wir Lust nächstes Jahr, zwei oder drei Wochen zu touren. Ein paar schöne Orte auszuwählen und dort zu spielen, um ein bisschen Spaß zu haben. Diese Möglichkeit halten wir uns offen. Wir wollen nicht sagen: „Schluss, aus, Ende“, und dann ein Jahr später doch zurück zu kommen, wie das einige Künstler machen. Wenn wir uns entschließen, dass es vorbei ist, wird das eine kurze und plötzliche Entscheidung sein. Das ist sehr emotional. Aber das ist vielleicht unsere letzte Platte.

 

m/o: Wo liegt der Unterschied zwischen der Tourband und der Studioband DEEP PURPLE?

Paice: Heute eine Platte aufzunehmen ist nicht so schwierig. Es ist körperlich nicht sonderlich fordernd und es dauert nicht so lange. Aber gerade wenn man um die 70 ist, sind zwei oder drei Jahre Welt-Tour sind eine sehr lange Zeit. Und in zwei oder drei Jahren sind wir vielleicht nicht mehr in der Lage das zu machen und wollen es vielleicht auch nicht mehr. Wir lassen das für uns offen. Man muss da realistisch sein. Eine Welttour ist harte Arbeit, die ganze Zeit unter hohem Druck. Und vielleicht haben wir am Ende der „The Long Goodbye Tour“ auch genug.

Glover: Die Tür schließt sich, aber ein bisschen ist sie noch offen.

 

Paice: Wir stellen den Fuß noch etwas rein.

Unversöhnlich: Das Verhältnis zu Ex-Gitarrist Ritchie Blackmore ist im Eimer.
Unversöhnlich: Das Verhältnis zu Ex-Gitarrist Ritchie Blackmore ist im Eimer.

m/o: Jon Lord hat mir 2007 in einem Interview gesagt, er wäre wohl in der Band geblieben, wenn es nicht dieses enorme Ausmaß an Tourneen gegeben hätte. Seid Ihr heute an dem gleichen Punkt wie er damals?

 

Paice: Nein, Jon hat damals zunehmend die Liebe zum Tourleben verloren. Es ging ihm nicht um die zwei Stunden auf der Bühne am Abend. Aber was macht man mit den anderen 22 Stunden am Tag? Und wenn man an den Punkt kommt, hat man keinen Spaß mehr daran. Jon hat die Band schleichend verlassen. Als er gegangen ist, hat er das gemacht, weil er es so wollte. Weil er seine eigene, andere Musik schreiben wollte. Das lief ja alles sehr friedlich und freundschaftlich ab. Aber DEEP PURPLE ist eine Tourband, das ist der Kern ihres Wesens. Wenn wir nicht so touren würden, gäbe es nicht die Intensität auf der Bühne und nicht die gleichen musikalischen Fähigkeiten. Man muss das vor Publikum machen. Man kann nicht nur zuhause proben. Das funktioniert so nicht. Die Disziplin wirklich gut, harten Rock n’ Roll zu spielen, ist sehr fordernde, harte Arbeit.

m/o: Ihr seid vergangenes Jahr in die Rock n’ Roll Hall of Fame aufgenommen worden. Aber es war dabei nicht möglich, mit Ritchie Blackmore zusammen zu kommen. Ist sowas nicht sehr traurig am Ende einer so langen, glanzvollen Karriere?

Paice: Das war Ritchies Entscheidung.

Glover: Darin steckt natürlich viel Traurigkeit. Es wäre schön gewesen, wenn die Mk. 2 Besetzung zusammengeblieben wäre. Aber bestimmte Dinge passieren einfach und das Leben geht trotzdem weiter. Aber Ian hat Recht: Ritchie wollte doch eigentlich nie dort hinkommen. Er hat schon vorher Interviews gegeben, in denen er gesagt hat, dass er nicht interessiert ist. Wir haben das nie in Frage gestellt.

Paice: Wir haben nicht gesagt, er soll nicht kommen. Er war genauso eingeladen wie wir und Ian Gillan. Und wenn er hätte kommen wollen: Wer hätte ihn davon abhalten sollen?

Glover: Wirklich traurige ist: Nick Simper, mein Vorgänger in der Band am Bass, wurde nicht eingeladen und nicht verewigt. Die Logik dahinter erschließt sich mir nicht, denn der erste Sänger Rod Evans wurde eingeladen. Der einzige Unterschied Nick war der Bassist.

Jon Lords Traum blieb unerfüllt: Ein Konzert mit allen lebenden DEEP PURPLE-Musikern wird es nicht geben.
Jon Lords Traum blieb unerfüllt: Ein Konzert mit allen lebenden DEEP PURPLE-Musikern wird es nicht geben.

m/o: Jon Lord hatte den Traum, ein großes Konzert mit allen lebenden DEEP PURPLE-Musikern zu machen. Wäre das nicht ein großartiger Schlusspunkt unter so eine lange Karriere gewesen?

Paice: Finanziell wäre das sicher eine brillante Idee gewesen. Musikalisch und emotional wäre es schrecklich geworden. Die Fans hätten es geliebt. Aber für uns selbst hätte das nichts bedeutet, außer einem fetteren Scheck am Ende der Veranstaltung. Aber das ist kein ausreichender Grund, das zu machen. Die möglichen Nachteile, wären das Risiko nicht wert gewesen.

Glover: Über die Jahre sind einige Dinge vorgefallen und gesagt worden. Und man kann das nicht ungeschehen und ungesagt machen. Und was die Leute an so einem Abend auf der Bühne gesehen hätten, wäre offensichtlich nicht echt gewesen. Das wäre nicht gut

Eine echte Enttäuschung, denn es könnte nicht so gut sein, wie die Erinnerungen der Leute. Die Leute denken viel mehr über die alten Zeiten nach als wir. Ich hole nicht die alten Alben heraus und denke darüber nach oder schau mir alte Bilder an. Wir leben jetzt und schauen nach vorn: zum nächsten Schritt, zum nächsten Album, zur nächsten Tour. Ich kann verstehen, dass Fans zurückschauen, weil sie die Band eben in jeder Hinsicht sehr mögen. Aber ich mache das nicht.

Paice: Wenn man eine Rockplatte seit 40 Jahren immer wieder hört, bis man das Vinyl buchstäblich nicht mehr abspielen kann, kennt man die natürlich von vorn bis hinten. Aber für uns waren einige dieser Stücke 15 Minuten unseres Lebens, als wir sie aufgenommen haben. Und das ist vorbei. Es ist etwas anders, wenn man sie immer wieder auf der Bühne spielt. Aber dieser Moment auf der Platte wird unsterblich. Aber er ist für uns einfach vorbei und man denkt nicht mehr darüber nach. Aber für die Fans ist natürlich dieser unsterbliche Moment die einzige Realität die existiert.

Von der Hall of Fame ignoriert: Ur-Bassist Nick Simper.
Von der Hall of Fame ignoriert: Ur-Bassist Nick Simper.

m/o: Und welche der Songs auf der neuen Platte sind solche unsterblichen Momente?

Glover: Das werden die Leute entscheiden. Wir sind nicht sehr gut eine solche Auswahl zu treffen. Aber was mich freut: Einige Leute, die es gehört haben meinten, es klinge etwas wie die ganz alten Sachen. Das liegt wohl daran, dass wir es wie früher aufgenommen haben: Live als Band im Studio.

 

m/o: Also alles schon mal da gewesen?

Glover: Wir haben ja schon so viele bekannte Sachen geschrieben. Und man will sich nicht selbst kopieren.

Paice: ...und das ist wirklich schwierig...

 

Glover: Man will nicht seine eigene Parodie werden. Ich glaube, wir haben es diesmal geschafft Songs zu schreiben, die unüberhörbar DEEP PURPLE sind, die aber nicht wie irgendwas klingen, was wir schon gemacht haben. Und das finde ich nach 50 Jahren schon eine Leistung. Ian Gillan und mir als Texter ist es wichtig, Humor zu beweisen, auf eine nicht flache Art. Das schaffen wenige Rockbands, humorvoll, nicht nur textlich, sondern auch in musikalischer Hinsicht.

DEEP PURPLE unterwegs:

19.05.17 München, Olympiahalle

30.05.17 Hamburg, Barclaycard-Arena

06.06.17 Köln, Lanxess-Arena

07.06.17 Dortmund, Westfalenhalle 1

09.06.17 Leipzig, Arena Leipzig

10.06.17 Frankfurt, Festhalle Frankfurt

13.06.17 Berlin, Mercedes-Benz-Arena

14.06.17 Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyer-Halle