CD & DVD-REVIEWS:

Chris Rea - Road Songs ForLovers

Chris Rea meldet sich trotz herber gesundheitlicher Rückschläge wieder mit einer neuen Scheibe zurück. Auf „Road Songs For Lovers“ geht es wiederum extrem entspannt zur, wie unser Rezensent feststellt.

MOTÖRHEAD – Under Cöver

Wie ist die neue MOTÖRHEAD-Coverscheibe? Darüber gehen die Meinungen in der Redaktion doch ziemlich auseinander, wie man HIER lesen kann.

QUIET RIOT – ROAD RAGE

QUIET RIOT sind (mal wieder) mit nem neuen Sänger - dem  „American Idol“- Gewinner James Durbin und neuem Album unterwegs-. Die Scheibe hat eine ziemlich turbulente Entstehungsgeschichte, wie man HIER nachlesen kann.

DIRKSCHNEIDER Nochmal Back To The Roots

Herr DIRKSCHNEIDER hat mal wieder ne neue Live-Scheibe aufgenommen - mit Material seiner Ex-Kapelle ACCEPT. Der Sinngebung dieser Unterfangens spürt HIER unser Rezensent Markus Renner nach:

Gib mit bitte nur ein Wort...

IM GESPRÄCH: „Wir sind Helden“

 

„Wir sind Helden“ sind die Aufsteiger der deutschen Musikszene. Am 9. Juli gastierten Judith Holofernes (Gesang und Gitarre), Mark Tavassol (Bass), Jean-Michel Tourette (Keyboards und Gitarre) und Pola Roy (Schlagzeug) in der Kanalbühne Gelsenkirchen. m/o sprach im Vorfeld mit Roy. 

m/o:Ihr habt beim „Live8“-Konzert gespielt, aus Überzeugung?
Pola:
 Natürlich. Aus anderen Gründen machen war sowas nicht. Bei Wohltätigkeitsveranstaltungen sind wir wählerisch. Blinder Aktionismus schadet eher, als er nutzt. Bei „Live8“ hatten wir das Gefühl einiges bewegen zu können. Es ging um ein Thema, das uns schon länger beschäftigt. Wir hatten das Gefühl mit gutem Gewissen dabei sein zu können. 

m/o:Wie war es dort zu spielen?
Pola:
 Die Menschenmenge war schon beeindruckend. Auf der Bühne ist so was immer schwierig, wenn man keinen Soundcheck hat. Wir hatten im Gegensatz zu anderen Auftritten auch keine In-Ear-Monitore, also Ohrenhörer, über die wir uns hören. Deshalb war das ein wenig Blindflug. Das ist dann eher Augen zu und durch. Aber es hat dann doch ganz schön Spaß gemacht. 

m/o:Ihr klingt eher nach Neuer Deutscher Welle (NDW) als nach Bob Dylan. Der stand aber bei eurem Video „Nur ein Wort“ Pate. Warum?
Pola: 
Die NDW-Einflüsse sind auf der neuen Platte nicht mehr so stark. Dylan ist für Judith ein großer Einfluss. Die Idee für das Video kam von der Filmfirma. Es sollte eine verfremdete Hommage an Dylans Video "Subterranean Homesick Blues" sein. Das fanden wir ganz lustig. Es wurde viel mit rückwärts und vorwärts laufen lassen des Films gearbeitet und wir hatten eine genaue Choreographie. 

m/o:Mit „Gekommen um zu bleiben“ habt ihr eine Swing-Nummer, die ihr für die „Echo“-Verleihung mit Max Rabe und seinem Orchester authentisch alt eingespielt habt. Wie kommt ihr zu so etwas?
Pola:
 Das hat extrem Spaß gemacht. Die erste Demo-Version, die Judith und Jean aufgenommen haben, war noch viel Charleston-lastiger. Das klang wirklich nach 20-er Jahre. Im Studio hatten wir das Gefühl, dass da etwas mehr von uns rein muss. Wir hatten aber für die Echo-Verleihung die Idee das Lied wirklich auf alt zu machen, weil auch das Video in diese Richtung geht. Da haben wir Max Rabe gefragt, den wir mal kennen gelernt hatten und der sehr nett ist. Er war gleich dabei. Wir sind dann auch noch mit einem Oldtimer am roten Teppich vorgefahren. Eine Mordsgaudi. Wir machen eine Vinyl-Scheibe mit der Version, die es über unsere Homepage geben wird. Dann kann man das authentisch mit Vinyl-Knistern und schönem Cover haben. 

m/o:Ihr habt eine atemberaubende Karriere gemacht. Verändert man sich dabei persönlich?
Pola:
 Klar verändert man sich. Ich hoffe zum Guten. Unser Leben hat sich verändert. Wir touren viel. Man ist wenig Zuhause und muss den Freundeskreis aktiv pflegen, wenn man da ist. Aber so viel verändert sich nicht. Man hat sein Umfeld, seine Crew auf Tour dabei und Live-Konzerte sind etwas Bodenständiges. Das bewahrt vorm abheben. 

m/o:Eure Lieder werden oft bei Demos benutzt. Ist das O.K.?
Pola:
 Das kommt auf die Demo an. Es ist schon passiert, dass Rechtsradikale unsere Lieder benutzt haben. Das ist uns natürlich extrem unrecht. Wenn es Demos von Antifas oder Globalisierungskritikern sind, freuen wir uns. Das sind Organisationen, die wir unterstützen. Die sollen ruhig unsere Musik spielen. 

m/o:Die Texte der ersten Platte sind sehr politisch. Auf dem neuen Album steht Persönliches im Mittelpunkt. Wie wichtig ist euch Politik?
Pola: 
Wir sind nicht hauptberuflich politisch, aber auch. Auf der ersten Platte waren es eben zentrale Themen, die uns immer noch beschäftigen. Judith hatte aber keine Lust die Songs zweimal zu schreiben. Wir haben uns soviel zu Konsum- und Medienkritik auf der ersten Platte und in Interviews danach geäußert, dass es einfach wichtig war, andere Songs zu schreiben. Es kann aber sein, dass auf der dritten Platte nur explizit politische Sachen sind. Allerdings habe ich das Gefühl, dass auch die persönlicheren Texte von „Von hier an Blind“ diese Ansätze von „Die Reklamation fortführen. Dort ging es ja auch schon um Selbstbefreiung und Freiheit von Konsumdruck. Das ist auch in den neuen Texten zu finden. 

m/o:Ihr sagt, dass ihr eine „basisdemokratische Band“ seid. Wie funktioniert das?
Pola:
 Wir tauschen uns auch über kleine Entscheidungen stark aus und fällen dann eine Entscheidung. Das machen wir im Prinzip auch musikalisch so. Allerdings haben wir gelernt, dass es im kreativen Prozess wichtig ist, sich nicht immer zu viert einzumischen. Wenn jemand gerade einen kreativen Schub oder gute Ideen beim Arrangieren hat, nimmt man sich etwas zurück und wartet auf seine Chance. Wir haben da viel gelernt. Bei „Die Reklamation“ war das noch stressiger, weil jeder im Detail seine Ideen hatte. Insgesamt funktioniert das gut. Es dauert ein bisschen länger, aber dafür fühlt sich jeder mit den Entscheidungen dann wohl. 

m/o:Ihr klingt eher nach Neuer Deutscher Welle (NDW) als nach Bob Dylan. Der stand aber bei eurem Video „Nur ein Wort“ Pate. Warum?
Pola:
 Die NDW-Einflüsse sind auf der neuen Platte nicht mehr so stark. Dylan ist für Judith ein großer Einfluss. Die Idee für das Video kam von der Filmfirma. Es sollte eine verfremdete Hommage an das Video "Subterranean Homesick Blues" von Dylan sein. Das fanden wir ganz lustig. Es wurde dann viel mit rückwärts und vorwärts laufen lassen des Films gearbeitet und wir hatten eine genaue Choreographie, wie wir die Karten wegwerfen und so weiter. 

m/o: Sind auf der neuen CD „Von hier an Blind“ ältere Nummern, die es nicht auf die Debüt CD geschafft haben?
Pola:
 Eigentlich nicht, mit einer Ausnahme. „Nur ein Wort“ war schon vor der ersten Platte fertig. Wir hatten das Gefühl, dass der Song zwar toll ist, aber dass er nicht so richtig passen wollte. Es war aber klar, dass er auf das zweite Album kommt. Die anderen Sachen sind alle nach „Die Reklamation“ entstanden. 

m/o Auf dem neuen Album ist viel weniger Keyboard zu hörne. Die kommt das?
Pola: 
Das war eine natürliche Entwicklung. Wir hatten als die Songs entstanden sehr viel live gespielt. Viele Songideen sind einfach als Gitarrensongs entstanden. Im Studio gab es eher das Problem, dass es zu gitarrig war und wir das Gefühl hatten, dass wir das auch nicht sind. Da mussten dann noch synthetische Klänge dazu. 

m/o: Mit „Gekommen um zu bleiben“ habt ihr eine Swing-Nummer, die ihr für die „Echo“-Verleihung mit Max Rabe und seinem Orchester authentisch alt gespielt habt. Wie kommt ihr zu so etwas?
Pola: 
Das hat extrem Spaß gemacht. Die erste Demo-Version, die Judith und Jean aufgenommen haben, war noch viel Charleston-lastiger. Das klang wirklich nach 20-er Jahre. Im Studio hatten wir das Gefühl, da muss etwas mehr uns rein. Wir hatten aber für die Echo-Verleihung die Idee das Lied wirklich auf alt zu machen, weil auch das Video diese Zeit andeutet. Da haben einfach mal Max Rabe gefragt, den wir mal kennen gelernt hatten und der sehr nett ist. Er war gleich dabei. Wir sind auch noch mit einem Oldtimer am roten Teppich vorgefahren. Eine Mordsgaudi. 

m/o:Gibt es die Version auch zum nachhören?
Pola: 
Wir machen eine Vinyl-Scheibe mit der Version, die es über unsere Homepage geben wird. Dann kann man das authentisch mit Vinyl-Knistern und schönem Cover haben. 

m/o:Ihr habt in kurzer Zeit eine atemberaubende Karriere gemacht. Was macht das mit einem persönlich?
Pola:
 Klar verändert man sich, ich hoffe zum Guten. Unser Leben hat sich stark verändert. Wir reisen sehr viel. Man ist weniger Zuhause und muss seinen Freundeskreis aktiv pflegen, wenn man da ist. Aber so viel verändert man sich dann doch nicht. Man hat sein Umfeld, seine Crew ja auf Tour dabei und Live-Konzerte sind etwas Bodenständiges. Das bewahrt vorm abheben. 

m/o:Die Texte auf der ersten Platte sind sehr politisch. Auf dem neuen Album steht Persönliches im Mittelpunkt. Wie wichtig ist euch Politik?
Pola:
 Wir sind nicht hauptberuflich politisch, aber auch. Auf der ersten Platte waren es eben zentrale Themen beschäftigt, die uns aber immer noch beschäftigen. Judith hatte aber keine Lust die Songs zweimal zu schreiben. Wir haben uns soviel zu Konsum- und Medienkritik auf der ersten Platte und in Interviews danach zu Konsum und Medienkritik geäußert, dass es einfach wichtig war, andere Songs zu schreiben. Es kann aber sein, dass auf der dritten Platte nur explizit politische Sachen sind. Allerdings habe ich das Gefühl, dass auch die persönlicheren Texte von „Von hier an Blind“ diese Ansätze von „Die Reklamation fortführen. Dort ging es ja auch schon um Selbstbefreiung und Freiheit von Konsumdruck. Das ist auch in den neuen Texten zu finden. 

m/o:Ihr werdet stark im linksalternativen Jugendspektrum rezepiert und eure Lieder werden oft bei Demos benutzt. Ist euch das recht?
Pola:
 Das kommt auf die Demo an. Es ist leider auch schon passiert, dass irgendwelche Glatzen das benutzt haben. Das ist uns natürlich extrem unrecht. Wenn das eine Demo von der Antifa oder Globalisierungskritikern ist, freuen wir uns natürlich. Das sind dann Organisationen, die wir unterstützen. Die sollen ruhig auch unsere Musik spielen. 

m/o:Bekannte Kollegen wie etwa Rio Reiser oder Konstantin Wecker haben sich aktiv in Wahlkämpfen engagiert. Ist das für euch ein Thema?
Pola: 
Wir sind keine Band, die sich parteipolitisch positionieren möchte. Sich tagespolitisch zu äußern ist immer etwas schwierig. 

m/o:Ihr sagt über euch selbst, dass ihr eine „eine basisdemokratische Band“ seid. Wie funktioniert Basisdemokratie musikalisch und textlich?
Pola: 
Unsere Basisdemokratie funktioniert so, dass wir uns auch über kleine Entscheidungen stark austauschen und dann eine Entscheidung fällen. Das machen wir im Prinzip auch musikalisch so. Allerdings haben wir gelernt, dass es im kreativen Prozess wichtig ist, sich nicht immer zu viert einzumischen. Wenn jemand gerade einen kreativen Schub oder gute Ideen beim Arrangieren hat, nimmt man sich etwas zurück und wartet auf seine Chance. Wir haben da viel gelernt. Bei „Die Reklamation“ war das noch stressiger, weil jeder im Detail seine Ideen hatte. Insgesamt funktioniert das gut. Es dauert ein bisschen länger, aber dafür fühlt sich jeder mit den Entscheidungen dann wohl.

 

 

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„Wir sind Helden“ sind die Aufsteiger der deutschen Musikszene. Am 9. Juli gastierten Judith Holofernes (Gesang und Gitarre), Mark Tavassol (Bass), Jean-Michel Tourette (Keyboards und Gitarre) und Pola Roy (Schlagzeug) in der Kanalbühne Gelsenkirchen. m/o sprach im Vorfeld mit Roy.

m/o:Ihr habt beim „Live8“-Konzert gespielt, aus Überzeugung?
Pola:
Natürlich. Aus anderen Gründen machen war sowas nicht. Bei Wohltätigkeitsveranstaltungen sind wir wählerisch. Blinder Aktionismus schadet eher, als er nutzt. Bei „Live8“ hatten wir das Gefühl einiges bewegen zu können. Es ging um ein Thema, das uns schon länger beschäftigt. Wir hatten das Gefühl mit gutem Gewissen dabei sein zu können.

m/o:Wie war es dort zu spielen?
Pola:
Die Menschenmenge war schon beeindruckend. Auf der Bühne ist so was immer schwierig, wenn man keinen Soundcheck hat. Wir hatten im Gegensatz zu anderen Auftritten auch keine In-Ear-Monitore, also Ohrenhörer, über die wir uns hören. Deshalb war das ein wenig Blindflug. Das ist dann eher Augen zu und durch. Aber es hat dann doch ganz schön Spaß gemacht.

m/o:Ihr klingt eher nach Neuer Deutscher Welle (NDW) als nach Bob Dylan. Der stand aber bei eurem Video „Nur ein Wort“ Pate. Warum?
Pola:
Die NDW-Einflüsse sind auf der neuen Platte nicht mehr so stark. Dylan ist für Judith ein großer Einfluss. Die Idee für das Video kam von der Filmfirma. Es sollte eine verfremdete Hommage an Dylans Video "Subterranean Homesick Blues" sein. Das fanden wir ganz lustig. Es wurde viel mit rückwärts und vorwärts laufen lassen des Films gearbeitet und wir hatten eine genaue Choreographie.

m/o:Mit „Gekommen um zu bleiben“ habt ihr eine Swing-Nummer, die ihr für die „Echo“-Verleihung mit Max Rabe und seinem Orchester authentisch alt eingespielt habt. Wie kommt ihr zu so etwas?
Pola:
Das hat extrem Spaß gemacht. Die erste Demo-Version, die Judith und Jean aufgenommen haben, war noch viel Charleston-lastiger. Das klang wirklich nach 20-er Jahre. Im Studio hatten wir das Gefühl, dass da etwas mehr von uns rein muss. Wir hatten aber für die Echo-Verleihung die Idee das Lied wirklich auf alt zu machen, weil auch das Video in diese Richtung geht. Da haben wir Max Rabe gefragt, den wir mal kennen gelernt hatten und der sehr nett ist. Er war gleich dabei. Wir sind dann auch noch mit einem Oldtimer am roten Teppich vorgefahren. Eine Mordsgaudi. Wir machen eine Vinyl-Scheibe mit der Version, die es über unsere Homepage geben wird. Dann kann man das authentisch mit Vinyl-Knistern und schönem Cover haben.

m/o:Ihr habt eine atemberaubende Karriere gemacht. Verändert man sich dabei persönlich?
Pola:
Klar verändert man sich. Ich hoffe zum Guten. Unser Leben hat sich verändert. Wir touren viel. Man ist wenig Zuhause und muss den Freundeskreis aktiv pflegen, wenn man da ist. Aber so viel verändert sich nicht. Man hat sein Umfeld, seine Crew auf Tour dabei und Live-Konzerte sind etwas Bodenständiges. Das bewahrt vorm abheben.

m/o:Eure Lieder werden oft bei Demos benutzt. Ist das O.K.?
Pola:
Das kommt auf die Demo an. Es ist schon passiert, dass Rechtsradikale unsere Lieder benutzt haben. Das ist uns natürlich extrem unrecht. Wenn es Demos von Antifas oder Globalisierungskritikern sind, freuen wir uns. Das sind Organisationen, die wir unterstützen. Die sollen ruhig unsere Musik spielen.

m/o:Die Texte der ersten Platte sind sehr politisch. Auf dem neuen Album steht Persönliches im Mittelpunkt. Wie wichtig ist euch Politik?
Pola:
Wir sind nicht hauptberuflich politisch, aber auch. Auf der ersten Platte waren es eben zentrale Themen, die uns immer noch beschäftigen. Judith hatte aber keine Lust die Songs zweimal zu schreiben. Wir haben uns soviel zu Konsum- und Medienkritik auf der ersten Platte und in Interviews danach geäußert, dass es einfach wichtig war, andere Songs zu schreiben. Es kann aber sein, dass auf der dritten Platte nur explizit politische Sachen sind. Allerdings habe ich das Gefühl, dass auch die persönlicheren Texte von „Von hier an Blind“ diese Ansätze von „Die Reklamation fortführen. Dort ging es ja auch schon um Selbstbefreiung und Freiheit von Konsumdruck. Das ist auch in den neuen Texten zu finden.

m/o:Ihr sagt, dass ihr eine „basisdemokratische Band“ seid. Wie funktioniert das?
Pola:
Wir tauschen uns auch über kleine Entscheidungen stark aus und fällen dann eine Entscheidung. Das machen wir im Prinzip auch musikalisch so. Allerdings haben wir gelernt, dass es im kreativen Prozess wichtig ist, sich nicht immer zu viert einzumischen. Wenn jemand gerade einen kreativen Schub oder gute Ideen beim Arrangieren hat, nimmt man sich etwas zurück und wartet auf seine Chance. Wir haben da viel gelernt. Bei „Die Reklamation“ war das noch stressiger, weil jeder im Detail seine Ideen hatte. Insgesamt funktioniert das gut. Es dauert ein bisschen länger, aber dafür fühlt sich jeder mit den Entscheidungen dann wohl.

m/o:Ihr klingt eher nach Neuer Deutscher Welle (NDW) als nach Bob Dylan. Der stand aber bei eurem Video „Nur ein Wort“ Pate. Warum?
Pola:
Die NDW-Einflüsse sind auf der neuen Platte nicht mehr so stark. Dylan ist für Judith ein großer Einfluss. Die Idee für das Video kam von der Filmfirma. Es sollte eine verfremdete Hommage an das Video "Subterranean Homesick Blues" von Dylan sein. Das fanden wir ganz lustig. Es wurde dann viel mit rückwärts und vorwärts laufen lassen des Films gearbeitet und wir hatten eine genaue Choreographie, wie wir die Karten wegwerfen und so weiter.

m/o: Sind auf der neuen CD „Von hier an Blind“ ältere Nummern, die es nicht auf die Debüt CD geschafft haben?
Pola:
Eigentlich nicht, mit einer Ausnahme. „Nur ein Wort“ war schon vor der ersten Platte fertig. Wir hatten das Gefühl, dass der Song zwar toll ist, aber dass er nicht so richtig passen wollte. Es war aber klar, dass er auf das zweite Album kommt. Die anderen Sachen sind alle nach „Die Reklamation“ entstanden.

m/o Auf dem neuen Album ist viel weniger Keyboard zu hörne. Die kommt das?
Pola:
Das war eine natürliche Entwicklung. Wir hatten als die Songs entstanden sehr viel live gespielt. Viele Songideen sind einfach als Gitarrensongs entstanden. Im Studio gab es eher das Problem, dass es zu gitarrig war und wir das Gefühl hatten, dass wir das auch nicht sind. Da mussten dann noch synthetische Klänge dazu.

m/o: Mit „Gekommen um zu bleiben“ habt ihr eine Swing-Nummer, die ihr für die „Echo“-Verleihung mit Max Rabe und seinem Orchester authentisch alt gespielt habt. Wie kommt ihr zu so etwas?
Pola:
Das hat extrem Spaß gemacht. Die erste Demo-Version, die Judith und Jean aufgenommen haben, war noch viel Charleston-lastiger. Das klang wirklich nach 20-er Jahre. Im Studio hatten wir das Gefühl, da muss etwas mehr uns rein. Wir hatten aber für die Echo-Verleihung die Idee das Lied wirklich auf alt zu machen, weil auch das Video diese Zeit andeutet. Da haben einfach mal Max Rabe gefragt, den wir mal kennen gelernt hatten und der sehr nett ist. Er war gleich dabei. Wir sind auch noch mit einem Oldtimer am roten Teppich vorgefahren. Eine Mordsgaudi.

m/o:Gibt es die Version auch zum nachhören?
Pola:
Wir machen eine Vinyl-Scheibe mit der Version, die es über unsere Homepage geben wird. Dann kann man das authentisch mit Vinyl-Knistern und schönem Cover haben.

m/o:Ihr habt in kurzer Zeit eine atemberaubende Karriere gemacht. Was macht das mit einem persönlich?
Pola:
Klar verändert man sich, ich hoffe zum Guten. Unser Leben hat sich stark verändert. Wir reisen sehr viel. Man ist weniger Zuhause und muss seinen Freundeskreis aktiv pflegen, wenn man da ist. Aber so viel verändert man sich dann doch nicht. Man hat sein Umfeld, seine Crew ja auf Tour dabei und Live-Konzerte sind etwas Bodenständiges. Das bewahrt vorm abheben.

m/o:Die Texte auf der ersten Platte sind sehr politisch. Auf dem neuen Album steht Persönliches im Mittelpunkt. Wie wichtig ist euch Politik?
Pola:
Wir sind nicht hauptberuflich politisch, aber auch. Auf der ersten Platte waren es eben zentrale Themen beschäftigt, die uns aber immer noch beschäftigen. Judith hatte aber keine Lust die Songs zweimal zu schreiben. Wir haben uns soviel zu Konsum- und Medienkritik auf der ersten Platte und in Interviews danach zu Konsum und Medienkritik geäußert, dass es einfach wichtig war, andere Songs zu schreiben. Es kann aber sein, dass auf der dritten Platte nur explizit politische Sachen sind. Allerdings habe ich das Gefühl, dass auch die persönlicheren Texte von „Von hier an Blind“ diese Ansätze von „Die Reklamation fortführen. Dort ging es ja auch schon um Selbstbefreiung und Freiheit von Konsumdruck. Das ist auch in den neuen Texten zu finden.

m/o:Ihr werdet stark im linksalternativen Jugendspektrum rezepiert und eure Lieder werden oft bei Demos benutzt. Ist euch das recht?
Pola:
Das kommt auf die Demo an. Es ist leider auch schon passiert, dass irgendwelche Glatzen das benutzt haben. Das ist uns natürlich extrem unrecht. Wenn das eine Demo von der Antifa oder Globalisierungskritikern ist, freuen wir uns natürlich. Das sind dann Organisationen, die wir unterstützen. Die sollen ruhig auch unsere Musik spielen.

m/o:Bekannte Kollegen wie etwa Rio Reiser oder Konstantin Wecker haben sich aktiv in Wahlkämpfen engagiert. Ist das für euch ein Thema?
Pola:
Wir sind keine Band, die sich parteipolitisch positionieren möchte. Sich tagespolitisch zu äußern ist immer etwas schwierig.

m/o:Ihr sagt über euch selbst, dass ihr eine „eine basisdemokratische Band“ seid. Wie funktioniert Basisdemokratie musikalisch und textlich?
Pola:
Unsere Basisdemokratie funktioniert so, dass wir uns auch über kleine Entscheidungen stark austauschen und dann eine Entscheidung fällen. Das machen wir im Prinzip auch musikalisch so. Allerdings haben wir gelernt, dass es im kreativen Prozess wichtig ist, sich nicht immer zu viert einzumischen. Wenn jemand gerade einen kreativen Schub oder gute Ideen beim Arrangieren hat, nimmt man sich etwas zurück und wartet auf seine Chance. Wir haben da viel gelernt. Bei „Die Reklamation“ war das noch stressiger, weil jeder im Detail seine Ideen hatte. Insgesamt funktioniert das gut. Es dauert ein bisschen länger, aber dafür fühlt sich jeder mit den Entscheidungen dann wohl.